Do it Live!

LIVESTREAMING-APPS & JOURNALISMUS

Nichts hat den Journalismus im Mai so auf den Kopf gestellt wie die langsame Etablierung der Livestreaming-Apps. Eingeschlagen sind sie, neben den üblichen Social Media Prominenten, vor allem unter Journalisten, die hierzulande immer mehr die Vorteile der unmittelbaren Zuschauerteilhabe erkennen.

Donnerstag, 14. Mai: Panik! Nicht nur in der SAP-Arena in Mannheim, sondern auch auf Twitter: Eine Bombendrohung lässt das GERMANY’S NEXT TOPMODEL Finale 2015 platzen. ProSieben, der verantwortliche Sender reagiert sofort und bringt stattdessen im linearen TV schnell einen Ersatzfilm aus der Konserve. Offizielle Nachricht von Pro7: „Technische Probleme“. Damit gibt sich der moderne Fernsehzuschauer natürlich nicht zufrieden: Fix Twitter angeworfen und schnell war klar: eine Bombendrohung. Ebenfalls in der Halle anwesend: Vorjahresgewinnerin des Laufstegführerscheins, Stefanie Giesinger. Durch sie erfahren tausende Fans und Follower aus erster Hand, was denn jetzt genau los ist. Dafür nutzt sie Snapchat, eine App, mit der sich Bilder und kurze Filme aufnehmen lassen, um somit seine Fans ganz nah an sich ran zu lassen. Ihre kurzen Clips zirkulierten schnell auf Youtube (URL: https://www.youtube.com/watch?v=_QsmA8YqyrE) und zeigen chronologisch den Verlauf von Evakuierung bis hin zur Absage der ganzen Veranstaltung. ProSieben war mit dem Prozedere natürlich nur mäßig angetan von der schnellen Verbreitung der Information, denn es waren schließlich noch Menschen in der Halle. Ganz live ist Snapchat jedoch nicht, denn nachdem der Nutzer das Video gedreht hat, kann er noch einen Filter drauflegen oder das Video mit Emojis versehen, bevor es letztendlich hochgeladen werden kann. Doch der Zuschauer verfolgt das Geschehen rund um die Person, als wäre er live dabei. Solch ein relevantes Ereignis beleibt bei Snapchat jedoch eine Ausnahme, da die App überwiegend von Prominenten zur peniblen Dokumentation von gassi-gehen, sporteln oder exklusiven Promiveranstaltungen benutzt wird.

Wo Snapchat aufhört, beginnt das Arbeitsfeld für Periscope. Periscope ist eine von Twitter für 100 Millionen Dollar aufgekaufte Start-up Livestreaming App. Sie ist die Antwort auf die im Frühjahr 2015 gestartete App Meerkat. Wenn ihr euch jetzt fragt “Meer-was?”, seid ihr vielleicht noch nicht Online schon mal auf die kleinen Erdmännchen auf gelbem Grund gestoßen. Die App legte im Frühjahr 2015 einen rasanten Aufstieg hin mit mehr als 12.000 Nutzern in kürzester Zeit. Doch die App, die bis vor kurzem nur im Appstore erhältlich war, wurde schnell in ihrer Nutzung von Periscope überholt. Jeder, der einen Twitter-Account besitzt, kann mit Periscope ohne Probleme und sekundenschnell einen Livestream erstellen und so seine Follower teilhaben lassen. Ein Zeitlimit für die Streams gibt es nicht und wenn der Benutzer es erlaubt, ist der Livestream für alle zu spät eingeschalteten Nutzern für 24h verfügbar. Das ist ein großer Vorteil gegenüber der Konkurrenz-App Meerkat, wo der Live-Stream nicht archiviert wird und somit verfliegt. Live-Streaming, das mag bei Studenten in der Vorlesung vielleicht langweilig sein, wird aber interessant, sobald sich Türen öffnen, die für den normalen Bürger vielleicht verschlossen sind. So werden wichtige Pressekonferenzen, Redaktionssitzungen, Veranstaltungen etc. gestreamt. Jan Böhmermann streamt schon seit ein paar Wochen die Generalprobe vom NEO MAGAZIN ROYALE live aus dem Studio, Kai Diekmann die Beratung über das Titelbild der BILD aus dem Axel-Springer-Hausund auch das ZDF versucht sich mit der neuen Nachrichten Sendung HEUTE+ an Experimenten mit Livestreams. Auch beim GNTM-Finale bediente sich der BILD-Reporter Daniel Cremer der Periscope Möglichkeiten und berichtete live von der Situation vor der Halle (Eindrücke des Videos gibt es hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=se0tLqUF7wc). Die Livestreams dienen also einerseits der unmittelbaren Teilhabe an Veranstaltungen aber auch als ein gutes Recherchetool für Journalisten, um durch die Sichtung der bereits online gestellten Streams, mehr über ein Ereignis zu erfahren.

Natürlich sind auch in diesem Fall die Amerikaner wieder schneller: Da entwickelt sich die App zu einem richtigen Hype. Musiker oder Politker haben schnell die enormen Möglichkeiten der Reichweitenoptimierung erkannt. Ein anderes Beispiel, das im Mai für Schlagzeilen gesorgt hat, ist der „Jahrhundertboxkampf“ Mayweather vs. Pacquiao in Las Vegas, der via Periscope circa 200.000 illegale Zuschauer mehr fand. Illegal deswegen, da der Kampf in Amerika nur im Pay-TV zu sehen war. Was den Zuschauern natürlich einen enormen Vorteil bringt, macht den Vermarktern von legalen Livestreams allerdings Kopfschmerzen. Was daraus wird, wird man sehen, eine Lösung ist bis jetzt noch nicht gefunden worden.

Für Journalisten ist die Möglichkeit dieser Livestreams dennoch grandios, da man so den Leser oder den Follower mit noch schnelleren Hintergrundinformationen versorgen kann, indem man sie einfach teilhaben lässt. Die Bedeutung des Online-Videocontents wird ohnehin immer wichtiger. Nachdem sich die Youtube-Szene überwiegend in Richtung Unterhaltung und Ich-halte-meinen-Einkauf-in-die-Kamera entwickelt hat, gibt es mit Periscope nun ein schnelles, direktes Tool um dem Leser einen größtmöglichen Zugriff an Informationen zu ermöglichen. Noch befinden sich alle Angebote in einer spannenden Experimentierphase. Oftmals ist noch deutlich Luft nach oben, wenn man sich zum Beispiel die Frage stellt, wie relevant ein Stream für die große Masse an Zuschauern ist. Aber warum nicht einfach mal ausprobieren? Ein Blick lohnt sich!

Snapchat und Periscope – Erhältlich kostenlos im Google Play Store und im AppStore

Leseempfehlungen rund um die Entwicklung von Live-Apps: http://blog.coeno.com/wie-periscope-den-journalismus-veraendern-kann/

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