The Neon Demon

von Christina Vollmert

Spoiler alert: Jesse wird sterben. Bereits in der fulminanten Eröffnungsszene ist klar, dass sie zum Scheitern verurteilt ist.  Mit jungen 16 Jahren zieht sie allein und mit großen Träumen im Gepäck nach L.A., um eine Modelkarriere zu starten. Hübsch, zurückhaltend und (oftmals viel zu betont) keusch steigt sie bald zum gefragtesten und begehrtesten It-Girl auf.

Sie freundet sich schnell mit Visagistin Ruby an, während deren Model-Freundinnen Gigi und Sarah das scheue Reh mit dem (teils sehr nervigen) permanenten Schlafzimmerblick eher als Konkurrenz sehen und ihr deshalb auf kurz oder lang den Garaus machen wollen. So weit, so gut. Denn sein bereits bei Valhalla Rising praktiziertes Credo ‚wenig Handlung/großartige Bilder‘ zelebriert Regisseur Nicolas Winding Refn auch hier bis zum Exzess. Jedes einzelne, vor Referenzen überbordende Bild ist dabei durchkomponiert, ohne dass die Handlung großartig vorangeht.

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Refn schafft es aber mit The Neon Demon, den identischen Inhalt einer Samstag-Abend-Casting-Show à la Germanys Next Topmodel als nervenzerreißende Horror-Thriller-Groteske zu inszenieren. Ob nun Zickenkrieg auf der Damen-Toilette oder ein Termin mit dem eigenartigen Kunstfotografen – die Inszenierung der Einzelszenen macht The Neon Demon erst sehenswert. Lange Sequenzen kommen dabei teilweise ganz ohne Dialoge aus. Und wird doch mal gesprochen, gibt‘s eher wenig Informationen. Es ist ein bisschen so, als ob der Regisseur seinen von Cliff Martinez‘ absolut großartigen Electro-Score ständig hypnotisch umwaberten Fieber(alb)traum in Zeitlupe ablaufen lässt, während einzelne Handlungsstränge komplett ins Leere führen (Hausmeister Hank aka Keanu Reeves?!?). Erst im letzten Drittel des Films geht’s dann endlich mit gewohnt markanter Brutalität zur Sache, wenn plötzlich die Hölle über L.A. hereinbricht und das Blut in Strömen fließt. Kennt man in diesem Kontext allerdings schon aus Lynchs Mulholland Drive und Inland Empire oder Barton Fink von den Coens.

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Nach dem eher narrativen Vorspiel folgt der neon-rote Höhepunkt in einer Serie surrealer Versatzstücke aus Gewalt und Horror, garniert mit einer unvergleichlichen nekrophilen Sexszene und einer Blutduschen-Darbietung (Blutgräfin Báthory lässt grüßen). In einem Film, der die Konsumkultur und besonders das Modelbusiness kritisieren will (davon könnte man jedenfalls ausgehen), ist diese subversive erotische Aufladung für den einen oder anderen vielleicht mitreißend, teilweise aber völlig überzogen. Darüber hinaus gibt sich Refns Sicht der Fashion-Welt nicht so sehr als warnendes Beispiel aus – dafür ist die Künstlichkeit des ganzen Mode-Zirkus auch viel zu offensichtlich – sondern vielmehr als Parodie. Ein Horrorfilm ohne Horror, eingebettet in eine Welt des schönen Scheins.

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Was bleibt, sind visuelle Perfektion und ein großartiger Score. Aber in Sachen Intertextualität hat The Neon Demon so einiges zu bieten. Angefangen bei der griechischen Mythologie bedient sich Refn bei zahlreichen anderen Quellen, wie den italenischen Giallos von Maria Bava (allen voran Sei donne per l’assassino) und Dario Agento (Suspiria) oder dem chilenischen Surrealisten Alejandro Jodorowsky (El Topo). Eine Referenz zieht sich aber ganz besonders wie ein roter Faden durch sein bisheriges Filmwerk: Nicolas Winding Refn hat es, wenn man so will, auf das Auge abgesehen. In Valhalla Rising muss die Titelfigur mit nur einem Auge auskommen, das andere wurde ihm ausgestochen. In Drive bohrt sich eine Gabel ins Auge. In Only God Forgives ritzen Rasierklingen die Augäpfel blind. Und auch in The Neon Demon wird das Auge zum Fluchtpunkt der Szene, wenn es zu guter letzt verspeist und verschluckt wird. Luis Buñuel und Salvador Dalí haben bereits 1929 in Ein andalusischer Hund in Großaufnahme einer Frau das Auge mit einer Rasierklinge halbiert. Es scheint, als wäre Refns ganze Philosophie der Filmwelt in diesen Einstellungen untergebracht. Das Kino kommt darin auf sich selbst zurück: Es geht um das Sehen selbst, den Angriff auf das Sehen, und das, was uns zum Wegsehen zwingt.

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Fazit: Wer Drive gut fand und sich deshalb den Film anschauen will, wird vermutlich enttäuscht. Refn spielt mit der Erwartungshaltung des Publikums – und lehnt sie bewusst ab. Mit Ryan Gosling drehte Refn nach Drive bereits den ziemlich abgefahrenen Arthousestreifen Only God Forgives, der sowohl bei Kritikern als auch an der Kinokasse floppte. Dennoch lässt sich Refn in seinem Stil nicht beirren und liefert mit The Neon Demon weniger einen stringenten Spielfilm als vielmehr einen außergewöhnlichen Ausnahmefilm mit surrealistischen Horrorelementen, der letztendlich eine recht simple These visualisiert: L.A. und die Modelbranche fressen sich selbst.

 

 

 

 

 

 

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