Stranger Things

In der amerikanischen Kleinstadt Hawinks verschwindet 1983 der elfjährige Will. Von zuhause weggelaufen, entführt oder sogar ermordet, denkt zunächst der versoffene Sherriff des Örtchens, doch Wills Mutter Joyce – eine alleinerziehende Frau am Rande des Nervenzusammenbruchs, immer kurz davor, den Verstand zu verlieren – ist fest davon überzeugt, dass er noch am Leben ist. Sherriff Hopper begibt sich also auf die Suche nach dem Jungen doch es häufen sich unerklärliche Ereignisse in der Stadt und letztlich landet Wills Leiche auf dem Autopsie-Tisch. Im Angesicht ihres toten Sohnes ist Joyce aber immer noch nicht überzeugt und glaubt stattdessen, dass Will, gefangen in einem glibberigen Etwas in den Hauswänden, über Elektrizität mit ihr kommuniziert. Und auch Wills Freunde lassen nichts unversucht um ihren Freund zu finden, der über ein Walkie Talkie mit ihnen kommuniziert. Dabei treffen sie auf das glatzköpfige und sonderbare Mädchen Eleven, die – neben einem gesunden Appetit –  über telekinetische Fähigkeiten verfügt.

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Zugegeben, alles in einem keine sonderlich neue Story. Aber warum fasziniert die Netflix-Serie Stranger Things sowohl mich und als auch viele andere Kinder der 1980er? Ganz klar, weil sie nahezu in jeder Einstellung, in jeder Szene, sogar im Soundtrack und nicht zuletzt mit Winona Ryder auf das Kino der 1980er verweist. Ein Plakat von Der weiße Hai an der Wand, Star Wars Kuscheltiere – all das führt den Zuschauer zurück in die eigene Filmsozialisation. Ein mysteriöses Haus, ein fieses Monster und dunkle Parallelwelten – Steven Spielberg, Stephen King und John Carpenter lassen grüßen. Eine Gruppe junger Freunde, die auf eigene Faust auf Abenteuerreise gehen – Stand by me und Die Goonies … die Serie ist eine wahre Schatzkiste für 1980er-Jahre-Film-Fans. Man kann die Referenzen gar nicht alle aufzählen: E.T.CarrieAlienPoltergeistClose Encounters of the Third Kind, Firestarter und natürlich Nightmare on Elm Street (hier gibt’s übrigens einen netten Zusammenschnitt von Szenen, die die Parallelen zwischen Serie und 80er-Referenz gegenüberstellen). Wem das noch nicht an 80er-Hommage reicht, dem wird mit dem Synthie-Soundtrack von Kyle Dixon und Michael Stein geholfen. Dazu kommen Songs aus den 80ern, von The Clash über Echo and The Bunnymen bis Joy Division. Hin und wieder emanzipiert sich so ein Soundtrack vom eigentlichen Medium und entwickelt ein Eigenleben als Pop-Kunstwerk: Die Songs, die Quentin Tarantino für Pulp Fiction zusammen getragen hat beispielsweise, Angelo Badalamentis Musik zu Twin Peaks natürlich oder zuletzt auch der Soundtrack zu Nicolas Windings Refns Drive. Der Soundtrack zu Stranger Things, seit kurzem irgendwo erhältlich, reiht sich hier ein – hinsichtlich der Ästhetik, aber auch des Erfolgs. Mein Favorit: Das einminütige Titelstück, das zu Beginn jeder Episode auf merkwürdige Weise die Atmosphäre der gesamten Serie vorwegnimmt und verdichtet.

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Der Horror in Stranger Things ist für heutige Verhältnisse eher subtil, es gibt wenige blutige oder gewalttätige Szenen – eben wie in den 80ern, als man sich mit Hitchcock noch auf die klassischen Mitteln verlassen konnte: Surprise und Suspense. Dass das Monster anfangs gar nicht oder nur schemenhaft gezeigt wird, trägt dazu bei, dass der Horror zunächst im Kopf entsteht. Und dieses Monster, das Böse, dass Will im eigenen Haus gefangen hält, ist natürlich auch eine schöne Metapher für die unüberwindbare Kluft zwischen Eltern und Kindern, die oft genug unmittelbar nebeneinander existieren, aber dennoch voneinander getrennt bleiben.

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Trotz der nostalgischen 80er Mentalität schafft es Stranger Things aber auch, seltsam aktuell zu sein und viel über unsere heutigen Ängste zu erzählen. Technikgläubigkeit ist da ein Stichwort, das auf eine Zeit verweist, in der neue Techniken den Menschen eine bessere Zukunft verheißen sollten. Daher wundert es nicht, dass die Geschütze, mit denen man dem Übersinnlichen in Stranger Things gegenübertreten will, aus eben diesem Bereich kommen: Walkie Talkies, eine analoge Kamera und besonders der Technikraum der örtlichen Schule, der im Verlauf der Handlung zur Schaltzentrale in die Zwischenwelt wird. Heute stehen die Dinge anders – die Begrenzung zwischen dem technischen Fortschritt, der die Welt besser macht oder jenem, der uns in die Apokalypse treibt, ist mehr oder weniger verschwunden. Wo hört der Mensch auf und wo fängt die Maschine an, und kann künstliche Intelligenz auch eigene Entscheidungen treffen?

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Fazit: Die gesamte Spannkraft der Serie, irgendwo zwischen Kleinstadt-Klischee und die Monsterfilm-Mentalität, ist so rückwärtsgewandt, dass auf den ersten Blick schwer vorzustellen ist, warum Stranger Things so erfolgreich ist, sowohl künstlerisch als auch kommerziell. Dieser uneingeschränkte Erfolg, der die Nostalgie des Zuschauers bewusst mit einberechnet, ist der Liebe zum eigenen Quellenmaterial geschuldet. Stranger Things buhlt nicht mit großer Effekt-Hascherei um unsere Aufmerksamkeit – die Serie heißt uns vielmehr Willkommen in ihrem eigenen 80er-Jahre-Fanclub.

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