Kritik zu „SMS für dich“ (D 2016) von Katharina Görgen

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

„SMS für dich“, oder: Hipster im Doppelpack

Fangen wir an mit der Frage aller Fragen: Hatten Sie schon mal einen Liebesorgasmus? Wenn Sie sich jetzt erstmal nicht trauen zu fragen, was das wohl sein mag, hier die Auflösung: wie der normale Orgasmus, nur eben ohne Sex. Alle Symptome manifestieren sich bereits, wenn Sie den oder die Geliebte nur sehen. Ist das nicht romantisch? Haben sie einen Liebesorgasmus, dann können Sie sicher sein: Es ist die wahre Liebe.

Wenn das für Sie eher wie Themen aus Frauenzeitschriften, deren Druckfarbe beim Blättern abfärbt, klingt als nach großem Kino, dann sind wir gleich mitten im Problem deutscher Liebesfilme. Wir wollen zwar die ganz große Liebe (eigentlich sogar die zweite, nachdem die erste tragischer Weise vor den Augen der Protagonistin überfahren wurde) aber es soll bitte hipp sein, und vor allem anders. Deshalb ist Berlin auch der perfekte Hintergrund für diese Geschichte. Hier sammeln sich immer noch die Kreativen und Coolen in superschicken Wohnungen und noch schickeren Bars, um das Leben zu feiern, denn „jede Erfahrung ist ein Gewinn“.

Zurück zur Story, eine entzückende Kinderbuchillustratorin schreibt ihrem toten Verlobten SMS, die dann bei einem super coolen Sportredakteur landen, der in einer zukunftsorientierten, aber leider weitgehend lieblosen Beziehung steckt. Dazu kommen die komischen Sidekicks, bei denen es wie immer keinen stört, dass sie die große Liebe noch nicht gefunden haben, und eine Schlagersängerin, die auf die Aussage „Ich glaube ja nicht an Vorhersehung“ mit „Das ist ja ganz falsch“ antwortet. Natürlich ergeben sich aus dieser Konstellation ein paar nette Momente, zum Begeisterungsorgasmus reicht das ganze aber nicht. Eine Bürokollegin, die spontan Psychogramme mit der mickrigen Begründung erstellt, jede Menge Kuschelpulli- und Tee-Momente mit der besten Freundin – all das verbleibt im Furchtbar-Netten. Dass auch Karoline Herfurth nur mit Alkohol durch Blind Dates kommt, ist sicherlich irgendwie tröstlich, ebenso wie die Tatsache, dass sich in Berlin auch arbeitslose Kreative einen Parkettplatz in der Oper leisten können. Zumindest der Teil der Kulturpolitik läuft dann doch ganz gut? In Berlin besinnt man sich ohnehin auf traditionelle Werte. Dass die beiden Protagonistinnen sich regelmäßig zum Wurstessen und nicht im Yogastudio, bei einem Gemüsesmoothie oder in einem entzückenden veganen Café treffen, gehört zu den originellsten Momenten des Films.

Aber vielleicht bin ich auch einfach kein „Liebeswesen“? „Sie berührt mein Herz“ ist eine entzückende Aussage, wenn sie ein heiratswütiger Mitreisender auf dem Traumschiff sagt, oder Shah Rukh Khan unter dem Regenbogen. Wenn ein durchgestylter Hipster mit Messi-Spleen, der sich morgens noch über das Gedicht des Tages lustig gemacht hat, seine Emotionen so verpackt, dann wirkt das auf mich befremdlich. Haben Hipster keine eigene Sprache der Liebe? Oder sind diese abgedroschenen Sätze wirklich die wahre Sprache der Liebe? Müssen wir auf dem Weg zum Liebesorgasmus Groschenromansätze sprechen, um die Tiefe unserer Gefühle zu beweisen? Wenn dem so ist, dann ist der Schlager tatsächlich das emotionale Zentrum unserer Republik. Dann ist „Die Liebe kennt kein Jein“ ein Mantra, das wir alle beten sollten. Oder auch nicht. Vielleicht ist es manchmal auch nicht das Schlimmste, wenn man kein Lied hat.

Katharina Görgen

Ein Gedanke zu „Kritik zu „SMS für dich“ (D 2016) von Katharina Görgen

  1. Heike sagt:

    Hallo Katharina,
    in diesem Falle gefällt mir die Kritik deines Kollegn um soviel besser. Ich finde den Film einfach hinreissend. Und Nora Tschirner und Katja Riemann sind sehenswert. Ich glaube dein „Romantik-Gen“ war bei diesem Film ausgeschaltet. Obwohl ich in einer Beziehung lebe und nicht mehr zwanzig bin, fand ich den Film „gefühlsecht“

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