Kritik zu „DOCTOR STRANGE“ (USA 2016)

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Katarina Görgen

Dr. Strange, oder: Hirn statt Hammer?

Im neusten Mosaik aus dem Marvel-Universum debütiert Benedict Cumberbatch in der Superheldenriege. Was ihn von den anderen unterscheidet? Vermutlich vor allem seine Vergangenheit in europäischen art-house-Filmen und seine explizite Britishness, was in der Kombination dazu führt, dass man ihm zutraut einen intellektuell Überbegabten, in guter alter Dr. House-Manie einen Halbgott in Weiß zu spielen. Er ist ein arroganter Besserwisser, der seine Kollegen bereitwillig demütigt und Musik-Quizze im OP spielt, weil er auch da einfach unschlagbar ist. Doch dann, der Niedergang: Nach einem Unfall machen die göttlichen Hände nicht mehr, was ihr Besitzer will, und damit beginnt der lange und kostspielige Weg der Sinnsuche, der auch Dr. Stange dahin führt, wo alle Europäer früher oder später landen, wenn sie nicht mehr weiter wissen: nach Asien.

Hier, in den heiligen Tempeln jenseits der westlichen Welt, die nur noch die Ratio anbetet, findet er the „ancient one“. Dabei handelt es sich mitnichten um einen gelehrten Asiaten oder eine gelehrte Asiatin, sondern um eine Keltin, die es im Laufe der Jahrhunderte einfach nach Asien verschlagen hat. Dass diese Figur mit Tilda Swinton von einer Frau gespielt wird ist vermutlich schon das größtmögliche Zugeständnis der Macher an die Diversity-Abteilung.

Mit Christine, gespielt von Rachel Macadams, gibt es jenseits des Himalayas noch eine zweite wichtige Frauenfigur. Die einzige Superkraft der Chirurgin besteht darin, dass sie die Überlegenheit ihres Kollegen und Lovers Dr. Strange 100-prozentig anerkennt. In einem besonders denkwürdigen Moment rettet sie ihm das Leben, indem sie die Anweisungen seines ebenfalls super-schlauen Astral-Ichs minutiös ausführt. Da sie dabei aber weder Hintern noch Brüste zeigen muss, handelt es sich für einen Superheldenfilm vermutlich schon um eine voll emanzipierte Figur und damit um ein lohnendes love interest für Dr. Strange nach seiner spirituellen Wiedergeburt.

Von Kamar-Taj schreibt er ihr Emails, während er gleichzeitig sein Leben von vorne anfangen muss, wobei er sich mit „study and practice“ von den gleichen Prinzipien leiten lassen kann, die ihn einst zu einem Star seiner Profession machten. Erst nachdem er endlich – wie alle anderen Schüler/innen der „ancient one“ – funkensprühende Zeitreiselöcher produzieren kann und die ersten Sprüche aus den verbotenen Büchern geübt hat, findet er – in jeder Beziehung – zu seinem Stil. Der Bösewichtschnauzer ergänzt sich wunderbar mit seiner ihn später auserwählenden Waffe, einem roten Mantel mit Eigenmotivation, der ihm schmeichelt und immer für einen angemessen dramatischen Auftritt sorgt. Und die folgen en masse, da natürlich mal wieder jemand das Universum an die dunkle Materie verhökern will, wofür ewiges Leben der Lohn wäre. Da Protagonist und Antagonist in der Spiegelversion des Universums Materie manipulieren können, wird in bester Inception-Tradition Architektur-Origami gespielt, was visuell durchaus beeindruckend, aber nach dem x-ten sich verformenden Häuserblock auch ein wenig ermüdend ist.

So einiges an Leid außerhalb der Spiegeldimension hätte verhindert werden können, wenn Thor und Meister Kaecilius sich beim Frisör mal so ganz unverbindlich beim Blättern in den „Magische Waffen für diese und andere Welten“-Magazinen über die potentiellen Ausgänge der Ermächtigungsphantasien des Meisters unterhalten hätten. Aber entweder schweigen tatkräftige Männer auch beim Frisör gerne oder es gibt in den unendlichen Galaxien tatsächlich mehrere von Superhelden und Superschurken frequentierte Frisöre mit Hang zu Eingeflochtenem. Dr. Strange jedenfalls hat keine Zeit mit Haarpflege vergeudet, sondern stattdessen lobenswerter Weise ein Buch gelesen, das ihm verraten hat, wie man die Zeit manipuliert. Immens nützlicher Kram, wenn man gegen einen Gegner antritt, der unabhängig von Zeit existiert. Dass es den annervt, in einer Zeitschleife gefangen zu sein, erschließt sich mir sofort, zumal die Materie des Dunklen sich für 80er-Jahre-Disco-Farben begeistern kann, die auch einem Unsterblichen in Dauerschleife vermutlich irgendwann auf den Geist gehen. Dr. Strange rettet die Welt (was hoffentlich für wirklich niemanden ein Spoiler ist), indem er den Gegner zu Tode nervt. Das wiederum scheint mir eine sehr irdische Strategie zu sein, wie sie an Arbeitsplätzen auf der ganzen Welt jeden Tag praktiziert wird. Dr. Strange ist eben doch auch einer von uns.

 

Peter Scheinpflug

Dr. House spielt Inception in der Matrix

Ich war mir lange unsicher, ob ich DOCTOR STRANGE überhaupt sehen wollte. Mit der Figur konnte ich nie viel anfangen. Daran konnten leider auch Jason Aaron und Chris Bachalo, deren Arbeiten ich sonst sehr schätze, jüngst nichts ändern. Allein in der Mini-Serie The Flight of Bones von Dan Jolley und Tony Harris gefiel mir Dr. Stephen Strange. Dass sich der neue Marvel-Action-Blockbuster an deren Interpretation für mature readers, wie es so schön in den USA heißt, orientieren würde, schien jedoch eher unwahrscheinlich – DEADPOOL (USA 2016) hin oder her.

Und obgleich mir bisher die Ergebnisse der aktuellen Hollywoodstrategie, Regisseure für Mega-Blockbuster zu engagieren, die eher aus dem Independent- und Genre-B-Film-Bereich kommen, mehrheitlich recht gut gefielen, hatte ich doch meine Zweifel bei Scott Derrickson als Regisseur für DOCTOR STRANGE. Nicht an seiner Kompetenz als Regisseur. Bereits sein Regie-Debut, HELLRAISER INFERNO (USA 2000), zählt zu meinen Lieblingshorrorfilmen – und das nicht nur der vielen Anleihen beim film noir wegen. Auch mit weiteren Horrorfilmen wie vor allem SINISTER (USA/UK 2012), der derzeit am häufigsten mit seinem Namen in einem Atemzug genannt wird, bewies Derrickson eindrücklich, dass er ebenso stimmungsvolle wie intelligente Horrorfilme verantworten kann. Doch würde er ähnlich düstere Töne, die er so bravourös einzusetzen weiß, in einem Marvel-Action-Blockbuster anschlagen dürfen? Schon seine erste Hollywood-Großproduktion, das Remake THE DAY THE EARTH STOOD STILL (US/CDN 2008), fiel eher mau aus.

Katharina Görgen wollte dann aber doch unbedingt DOCTOR STRANGE sehen und ich muss sagen: In allen seinen Stärken ist der Film leider überaus enttäuschend. Dass kein gewöhnlicher Superheldenfilm zu erwarten war, stand aufgrund der Figur fest. Aber dass stattdessen eine so abgedroschene Fantasy-Geschichte über ambivalente Lehrmeister/innen, abtrünnige, weil machthungrige Schüler und einen arroganten Egomanen, der seinen Narzissmus erst in der vorgeblich vollständigen Aufopferung voll entfalten kann, zum unzähligen Male wiederholt wird, ist viel enttäuschender.

Wie Katharina Görgen schreibt, überträgt der Film das Prinzip des Musik-Quizzes während der Operation, mit der unser Protagonist als arroganter Klugscheißer, der spielend Wikipedia übertrumpft, zu Filmbeginn vorgestellt wird, auf den restlichen Film: Die Manipulationen der Innenräume und Stadtlandschaften gemahnen an INCEPTION (USA/UK 2010), die Esoterik inklusive der Sinneserweiterung des Protagonisten und die diversen Versatzstücke aus asiatischen Filmkulturen erinnern an THE MATRIX (USA 1999), die Astralkörper kämpfen wie einst die Geister in Peter Jacksons leider vernachlässigtem Hollywood-Debut THE FRIGHTENERS (USA/NZ 1996) – minus den ‚Witz‘ eines Peter Jackson – und die Schlusspointe kommt wie EDGE OF TOMRROW (USA/CDN 2014) als eine Variante von ‚Und täglich stirbt das Murmeltier‘ daher. Im Gegensatz zu DEADPOOL (USA 2016), MARVEL’S THE AVENGERS (USA 2012) oder auch CAPTAIN AMERICA: THE FIRST AVENGER (USA 2011) spielt DOCTOR STRANGE aber nicht mit seinen Zitaten und Versatzstücken, sondern kombiniert sie lediglich zu einem enttäuschend gefälligen Unterhaltungsprodukt mit hohem Wiedererkennungswert.

Ja, der Film ist wenigstens ziemlich komisch. Scott Derrickson beweist, dass er für das Timing von Lachern ein noch besseres Gespür hat als für Schockmomente und Gruselstimmung. Aber leider ist DOCTOR STRANGE selbst noch darin zu konventionell und banal. Er erreicht nie die bittersüßen Spitzen, die feinen Ambivalenzen oder gar die Tragik, mit denen James Gunn die GUARDIANS OF THE GALAXY (USA/UK 2014) weit über das Gros der Action-Blockbuster gehoben hat. DOCTOR STRANGE ist mithin im schlimmsten Sinne des Wortes eskapistisch, da er an der Stelle von brennenden Fragen unserer Zeit nur esoterische Allgemeinplätze, einen von allen realen Konflikten abgelösten Kampf des Guten gegen das absolut Böse und dann auch noch harmlose Situationskomik statt subversiver Satire aufbietet.

Als wäre all das noch nicht ebenso trist wie düster genug, leidet DOCTOR STRANGE unter einem Problem, das er mit vielen anderen 3D-Filmen teilt: Der Film ist deutlich zu dunkel und es fehlt gänzlich an einer avancierten Lichtdramaturgie. Dass man oft nicht wirklich viel erkennen kann, ist aber letztlich gar nicht so tragisch, da der ganze Film sowieso furchtbar vorhersehbar ist.

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