Kritik zu „ARRIVAL“ (US 2016) von Peter Scheinpflug

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Punkt. Punkt. Komma. Strich. Fertig ist das Mondgesicht.

Obwohl sich das Feuilleton mit Lob für ARRIVAL überschlägt, war ich skeptisch. Ich konnte einfach François Truffaut nicht vergessen. Im Finale von Steven Spielbergs EINE UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART (US 1977) versucht die Menschheit, durch Töne und Lichtsignale mit Aliens zu kommunizieren, bevor das Militär aus Ignoranz und Angst einen überstürzten Angriff unternimmt. Geleitet wird diese humanistische Aktion von einem Wissenschaftler, den niemand geringer als François Truffaut spielt – einer der wichtigsten Vertreter der politique des auteurs und der Nouvelle Vague. Alles, was ich von ARRIVAL gehört hatte, klang sehr danach, als hätte man einfach Steven Spielbergs Schlusssequenz zu einem abendfüllenden Film entfaltet: Im Gegensatz zu gängigen Science-Fiction-Action-Blockbustern wie INDEPENDENCE DAY: WIEDERKEHR (US 2016) kommt ARRIVAL nämlich als bedächtiges Kammerspiel daher, das vor allem dadurch beeindruckt, dass es die erste Kontaktaufnahme mit Aliens ‚realistisch‘ durchspielen will. Daher ist die Hauptfigur auch kein Draufgänger, sondern eine Linguistin, die bereits Englisch, Persisch, Sanskrit und Mandarin beherrscht und nun auch noch die Sprache der Aliens erlernen soll.

Und damit sind wir beim zentralen Thema von ARRIVAL: Sprache prägt unser Denken und Weltbild, unsere Psyche und Gesellschaftsstruktur, unser Selbstbild und Fremdbild. Indem Menschen und Aliens mühsam die Sprache des jeweils anderen lernen, lernen sie nicht nur einander zu verstehen, sondern auch anders zu denken und die Welt anders wahrzunehmen. Leider kann hier nicht mehr zur Struktur des Films gesagt werden, um nicht die Schlusspointe zu verraten, die allerdings arg forciert als Offenbarung in Szene gesetzt wird, obgleich es sich um kaum mehr als einen sehr konventionellen dramaturgischen Kniff handelt, dessen Logik letztlich nicht ganz aufgeht und der zudem mit einem arg bedenklichen impliziten Fatalismus einhergeht. Nur so viel noch: Der Film begeistert außerdem durch eine unzuverlässige Erzählinstanz und das versierte Spiel mit unseren durch Konventionen geschulten Erwartungen, einprägsame Bildkompositionen und eine famose Amy Adams.

Getrübt wird der Gesamteindruck dieses ebenso unaufgeregt erzählten wie durchdachten Science-Fiction-Films jedoch durch das arg prätentiöse Arthouse-Cinema-Gehabe des Films. Wenigstens ist das Publikum vorgewarnt, wenn der Film bereits bei der allerersten Szene mit einer langsamen Aufblende, einer noch langsameren Kamerafahrt, Streichern, ‚natürlich‘ anmutender Lichtsetzung, viel Unschärfe im Bild und einem philosophierenden Voice-Over-Kommentar dem Publikum entgegenbrüllt, dass er ein Kunstfilm sein will. Und auch die intelligenten Ausführungen später über Sprache, Kultur und Identität kommen leider arg lehrstückhaft forciert daher.

Viel ärgerlicher als der Exzess an ausgestellte Abkehr von der Hollywood-Blockbuster-Norm ist aber, dass der Film teilweise erschreckend konservativ ausfällt. Besonders deutlich wird dies bei seiner Gender-Politik: Wieder ist es die Frau, die vor allem durch ihre Mutterrolle ergründet wird, die als das Andere der patriarchalischen Ordnung den Aliens näher steht und vor allem durch ihre Sinnlichkeit und Emotionalität glänzt. Den finalen ‚Durchstoß‘ beim Entschlüsseln der letzten Botschaft der Aliens leistet dann aber der Mann, der in die Materie mit Mathematik und Logik ‚eindringt‘. Auch bei nationalen Stereotypen sieht es wenig besser aus: Wieder einmal sind es die Amerikaner, die ebenso besonnen wie mutig die Welt vor der Selbstzerstörung retten, während gesichts- und damit identitätslose Russen und Chinesen sie als erste in Brand setzen wollen.

Diese Kritik gilt aber auch für das Genre-Repertoire des Films: Ein Blick darauf, dass auch in H. G. Wells wegweisendem KRIEG DER WELTEN (1898) die Außerirdischen bereits wie Kraken mit Tentakeln beschrieben wurden, offenbart, dass der Film – positiv gesehen – überaus traditionsbewusst ist und dem Publikum viele Anknüpfungspunkte bietet mit diversen Anspielungen und Zitaten – beispielsweise gemahnen die Raumschiffe der Aliens an den Monolithen in Stanley Kubricks stilbildendem 2001: ODYSSEE IM WELTRAUM (UK/US 1968). Allerdings kann man diesen Befund auch negativ wenden: Der Film tritt zwar an, intelligent vieles anders zu machen als ach so viele andere Science-Fiction-Filme, dabei fährt er aber letztlich größtenteils doch nur alt/bekannt/e Genre-Versatzstücke auf. Auch, dass die Stimmen der Aliens wie Delphine und Wale unter Wasser klingen, kennen wir nämlich aus den Annalen des Science-Fiction-Films. Und ich bleibe dabei: Eigentlich denkt der Film nur die Schlusssequenz von Steven Spielbergs EINE UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART zu ihrem logischen Ende.

Zugleich ist der Film jedoch in seiner Grundstruktur und seinem überzogen kitschigen happy ending (zugegeben: wenigstens mit Verfallsdatum) furchtbar vorhersehbar. Dies kulminiert darin, dass die Protagonistin zwar erst am Ende des Films den Vater ihrer Tochter klar erkennen kann, ich es jedoch schon aufgrund altbewährter Hollywood-Konventionen seit dem ersten Treffen der beiden als Gewissheit vorausgesehen habe. Vielleicht soll das aber auch der Clou des Films sein: Indem er zugleich Altbekanntes re-inszeniert und vorhersehbar ist, fallen in der Rezeption tatsächlich Vergangenheit und Zukunft in eins.

Wenn am überkandidelt gefühlsdusseligen Ende von ARRIVAL trotz des überaus konventionellen Spannungsaufbaus mit intellektuellem Anspruch die Emotionen zur universalen und zeitlosen Sprache erklärt werden, die alles eint, hat dies einen solch ungeheuren Innovationscharakter, dass ich nachträglich wirklich wünschte, die Zukunft gekannt zu haben, als ich mich an der Kinokasse mit Katharina Görgen für einen Film entscheiden musste.

Obgleich es sich bei ARRIVAL zwar nicht um einen schlechten, aber eben um einen mit Blick auf seine Konventionalität und verschenkten Potenziale enttäuschenden Film handelt, ist er aufgrund seiner Grundaussage in Zeiten eines allseits erstarkenden Rechtspopulismus und um sich greifender Ängste aufgrund der so genannten Flüchtlings-‚Krise‘ ein gerade wegen seiner Konventionalität und dadurch ermöglichten Zugänglichkeit für ein breites Publikum überaus wichtiger Film.

Peter Scheinpflug

 

Ein Gedanke zu „Kritik zu „ARRIVAL“ (US 2016) von Peter Scheinpflug

  1. Ich, nicht du sagt:

    Selten einen so sich selbst viel zu wichtig nehmenden und einfach furchtbar dämmlichen Kommentar zu einem guten Film gelesen. Aber es gibt immer wieder selbst ernannte „Kritiker“ die meinen ihre Ansicht sei die einzig richtige. Alleine die völlig falsche „ich will Arthouse sein“ Definition des Kritikers zur Bildsprache des Films zeigt. dass hier leider rein gar nichts korrekt verstanden wurde.

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