Kritik zu „The Great Wall“ (US/CH 2016)

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Katherina Görgen

Die chinesische Mauer – so lehrt uns der Anfang des Films und die Geschichte – wurde über mehrere hundert Jahre hinweg gebaut, kostete zahlreiche Opfer und gehört zu den großen Wundern der Menschheit. Gigantomanische Mauerbauprojekte erfreuen sich ja aktuell wieder großer Beliebtheit, was umso interessanter ist, da die chinesische Mauer den Einfall der Mongolen nie hat verhindern können. Rückblickend war sie daher vielleicht nicht die allerbrillanteste Idee. Das gleiche lässt sich über den Versuch sagen, einen Film über eine der mythischen Bedrohungen von „der anderen Seite“ zu drehen.

Um sich der majestätischen Mauer würdig zu erweisen, versucht sich Yimou Zhang an einem Monumentalfilm, der vor allem die choreographierte Schönheit militärischer Perfektion feiert. Denn die Kämpfer des namenlosen Ordens bereiten sich seit Jahrhunderten auf nichts anderes, als die Invasion der feindlichen Kreaturen vor und haben ihre ganze Energie und Kreativität in das Erdenken tödlicher Waffen gesteckt. Damit es dann aber nicht einfach nur ein bedenklich glorifizierender Kriegsfilm ist, kämpfen die bunt gekleideten Chinesen unter dem Banner des Vertrauens für das erhabene Ziel ihr Volk zu schützen. Pathos gibt es also auch.

Auf der falschen Seite der Mauer lauert die angreifende Armee aus menschenfressenden Monstern, vor der es besagtes Volk zu schützen gilt. Die Taotie sind so dämonifiziert, dass man sie offensichtlich bedenkenlos auf alle erdenklichen Arten abschlachten kann, vorausgesetzt, es geschieht erst im allerletzten Moment, nachdem die Bestie in schönster 3-D-Manie auf den Zuschauer zugesprungen kam, den sie dann aber weder technisch noch emotional erreichen kann.

Warum die großartige Armee voller Vertrauen einen versifften Europäer braucht, um die Aufgabe zu erledigen, auf die sie sich seit Ewigkeiten vorbereitet, weiß vermutlich nur Matt Damon, der nach der ersten Dusche im Reich der Mitte ganz kurz jünger aussieht als bei seinem ersten Bourne-Auftritt. Ausgestattet mit Bogen und Sidekick kämpft er sich entlang der Mauer und in die Herzen derer, die er eigentlich ihres Schießpulvers berauben wollte. Ist es General Lin, deren strenger aber zugleich eindringlicher Blick ihn auf den Pfad der Tugend zurückholt? Oder hat die Dusche unter dem erstarrten Dreck der letzten Jahre sein großes Herz wieder freigelegt, das nur darauf gewartet hat endlich in einer heroischen Brust zu schlagen? Dass unser Bogenmann aus Berechnung handelt, da der Sieg der Kreaturen in China langfristig ihren Siegeszug durch die gesamte Welt bedeutet, scheint am unwahrscheinlichsten: Zwischen all dem Schießen und Schreiten bleibt einfach nicht genug Zeit für einen derart klaren Gedanken. Mit Monster schlachten und General Lin beeindrucken leiten unseren Bogenvirtuosen ja auch immerhin schon zwei komplexe Motive. Dass mit dem zu beeindruckenden General Lin eine Frau das militärische Geschehen leitet, ist für westliche Zuschauer vermutlich ungewohnter als für Fans des Martial-Art-Genres, wo schon lange tödliche Frauen in schönster Perfektion ihre Kunst ausüben. Dass General Lin den finalen Schlag ausführen darf und damit den weißen Mann kurz vom Alleskönner auf die Rolle eines Helfers reduziert, ist eine der gelungenen Überraschungen des Films. Weniger überraschend ist, dass auch diese kompetente Frau am Ende mit Einsamkeit belohnt wird. Kein klassisches Happy End für mächtige Frauen scheint ein Credo zu sein, auf das sich Ost und West problemlos einigen können.

Peter Scheinpflug

Holding Out For A HERO

Der Film erzählt von zwei europäischen Söldnern, die vor vielen Jahrhunderten in Asien auf der Suche nach Schwarzpulver sind. Dabei geraten sie zwischen die Fronten eines chinesischen Geheimordens, der sich der Abwehr monströser Aliens verschrieben hat, die alle 60 Jahre über Nordchina hereinbrechen und drohen, die ganze Welt zu verschlingen, wenn es nicht die ebenso majestätische wie wehrhafte große Mauer und Tausende von tapferen und aufopferungsvollen chinesischen Soldaten gäbe. Es muss daher wohl auch nicht näher erklärt werden, warum die Hauptfigur, ein von Matt Damon verkörperter Söldner, ausgerechnet hier und jetzt zum ersten Mal in ihrem Leben erkennt, dass es sich lohne, für etwas ‚höheres‘  als Essen und Geld das eigene Blut und das anderer zu vergießen. Und so schwingt sich unser westlicher Held in Zeitlupe dem ebenso kitschigen wie dämlichen, aber wuchtigen happy ending eines Films entgegen, der über weitere Strecken wie eine unglückliche Mischung aus GHAME OF THRONES, STARSHIP TROOPERS (US 1997) und THE WARLORDS (HK/CH 2007) daherkommt.

Damit wäre die Story, deren Muster älter als die Handlungszeit des Films wirkt, auch schon zur Genüge erzählt. Aber um Story oder komplexe Figuren geht es in diesem Film auch nicht. Womit der Film überwältigt sind seine kolossalen Schlachten, wenn aberhunderte Aliens gegen nicht viel weniger Soldaten antreten. Dann entflammt eine Choreographie der Massenzerstörung, die ziemlich spektakulär ist. Leider kann man sich dabei etwas wie Cartman in der South-Park-Folge zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Beijing fühlen, da die Choreographie der streng geordneten Massen von patriotischen Soldaten, die ebenso ’schön‘ wie mächtig in Szene gesetzt sind, arg an die nationalsozialistische Ästhetik des Ornaments der (militärischen) Masse erinnert, wie Leni Riefenstahl sie in TRIUMPH DES WILLENS in Szene gesetzt hat. Dies kann den ästhetischen Genuss leider arg trüben. Aber vielen wird diese bedenkliche Verquickung von Nationalismus, Militarismus und verherrlichender Hyperästhetisierung vielleicht gar nicht auffallen oder übel aufstoßen – fürchte ich.

Da hilft es auch nicht, dass die Dialoge der westlichen Figuren wie aus einem verstaubten Groschenroman klingen und die Dialoge der chinesischen Figuren wie eine Aneinanderreihung von Glückskeksallgemeinplätzen daherkommen. Von Völkerverständigung kann dabei sowieso nicht die Rede sein, zumal die Exotik Chinas fulminant zur Schau gestellt wird – was leider arg nationalistische und rassistische Untertöne hat. Verständigung ist aber auch schwer, da den chinesischen Figuren keinerlei Identität zugestanden wird, werden sie doch alle als ‚fleißige kleine Kriegerameisen‘ in Szene gesetzt, die bereitwillig alles aufopfern für das Wohl ihres Heimatlandes, das pars-pro-toto für das Wohl der ganzen Welt steht. Man muss sich daher fragen, ob die diversen Logiklöcher dazu dienen sollen, das Publikum auf kritischer Distanz zu halten, damit es sich nicht ganz im Spektakel verliert. Und irgendwie muss man auch ein bisschen hoffen, dass die ätzend pathetischen Inszenierungen von Matt Damon, wenn er in Zeitlupe Wunder vollbringt, die 1000 Chinesen nicht vermochten, gerade diese klischeehafte Heroisierung unterlaufen sollen, da diese Pathosformeln im Kontext der eher leichten und zarten Bewegungen in der Tradition der Kampf-Kunst-Filme aus China und Hong-Kong ebenso grobschlächtig wie lächerlich erscheinen müssen.

Wer seine Geistestätigkeit auf ein Minimum reduzieren kann, Pathos und Sprüche aus der Mottenkiste ertragen oder, wie ich, sich darüber belustigen kann und vor allem bombastische Schlachten mit einigen wirklich gelungen 3D-Inszenierungen erleben will, wird von dem Film nicht gelangweilt werden.

Wer hingegen ein ebenso poetisches wie erhabenes Spektakel der Kampf- und Filmkunst erhofft, schaut lieber noch einmal HERO (HK/CH 2002), oder auch HOUSE OF FLYING DAGGERS (HK/CH 2004) und DER FLUCH DER GOLDENEN BLUME (HK/CH 2006), mit denen Regisseur Zhang Yimou eindrücklich bewiesen hat, dass er unvergleichliche Kinomagie auf die große Leinwand zaubern kann.

 

 

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