Kritik zu „Logan“ (US 2017) von Peter Scheinpflug

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

“I’m the best there is at what I do. But what I do isn’t very nice…”

Wir schreiben das Jahr 2029. Mutanten und die X-Men sind zu gespenstischen Legenden avanciert, da seit vielen Jahren kein neuer Mutant mehr geboren worden ist und nur noch wenige Mutanten leben. Geisterhaft schlägt sich auch Logan durchs Leben. Seine Tage als Superheld liegen weit hinter ihm. Inzwischen verdient er sich als Chauffeur für die Superreichen und lebt zurückgezogen in Mexiko – das bereits ist ein Statement  in Zeiten von Trump. Dort sorgt er für Charles Xavier aka Professor X (Patrick Stewart), nachdem der einst mächtigste Telepath der Welt erkrankt ist und unter Anfällen leidet, die ihn ausgerechnet die Kontrolle über seinen Verstand und seine Kräfte kosten. Auch Logans Kräfte funktionieren nicht mehr wie früher. Seine Wunden heilen kaum. Eine Klinge will nicht mehr ganz von alleine aus der Hand schießen wie früher. Er ist Alkoholiker, orientierungs- und hoffnungslos. Dann trifft er ebenso unverhofft wie ungewollt auf das Mädchen Laura (Dafne Keen), das wie er mit Krallen und Selbstheilungskräften ausgestattet ist. Sie sucht seine Hilfe auf der Flucht vor sadistischen Söldnern im Dienste eines Großkonzerns und zwingt ihn dazu, sich mit seiner Vergangenheit, seiner Identität, seiner Verantwortung und seinem bitteren Sehnen nach Erlösung und Tod auseinanderzusetzen.

Nach dem enttäuschend konventionellen Actionblockbuster THE WOLVERINE (US et al. 2013) hat James Mangold mit LOGAN endlich das Superhelden-Actiondrama vorgelegt, das man sich vom Regisseur von COPLAND (US 1997) und 3:10 TO YUMA (US 2007) hat erhoffen können. Ein ebenso ruhiges wie atemberaubend schön inszeniertes Actiondrama, das den Genre-Konventionen gehorcht und sich zugleich ganz viel Zeit für seine aufrechten Verlierer nimmt, deren Leben und Innenleben schwerer wiegen als die wenigen, perfekt choreographierten Actionszenen. Die große Stärke des Films liegt nämlich nicht in der wilden und brachialen Action, sondern in den ruhigen Momenten, in denen James Mangold mit einem wunderbaren Cast und den ästhetischen Mitteln des Films seinen Figuren Tiefe und Ambivalenz verleiht. Ihre Sorgen, Sehnsüchte, Hoffnung, Trauer, Selbstzweifel und Verzweiflung kommen in ebenso stimmungsvollen wie bedeutungsschweren Bildern zum Ausdruck, ohne dass viele Worte darüber verloren werden müssten. In vielen Szenen mutet der Film geradezu wie ein minimalistisches Kammerspiel an und weiß dennoch bestens zu unterhalten.

Nicht nur durch seinen ernsten Ton und seine ambivalenten Figuren unterscheidet sich LOGAN deutlich vom Gros der Hollywood-Blockbuster-Superheldenfilme der letzten Jahre, sondern auch durch seine drastischen Gewaltszenen. Trotz des phänomenalen Erfolgs von DEADPOOL (US 2016), der exzessive Gewalt als cartoonhafte Überzeichnung zelebrierte, sowie der realistischeren Gewaltdarstellung in den Netflix-Serien DAREDEVIL (US 2015) und JESSICA JONES (US 2015) setzten die großen Hollywoodstudios bei Marvel-Lizenzen weiterhin ganz auf familienverträgliche Blockbuster. Regisseur James Mangold und sein Star Hugh Jackman wollten LOGAN aber unbedingt als Superheldenfilm für Erwachsene in Szene setzen. Dafür akzeptierten beide angeblich nicht nur ein geringeres Budget, sondern Jackman sogar eine geringere Gage, um die Kosten des Films zu senken. Und LOGAN ist extrem brutal. Es werden Köpfe abgeschlagen, Arme und Beine abgeschnitten, Schädel durchbohrt und Klingen dutzendfach in Körper gehauen, während das Blut in Fontänen spritzt. Die Gewalt-Inszenierung ist dabei zwar durchaus realistisch, wirkt aber leider insgesamt zu exzessiv. Teilweise kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Filmemacher offensiv ausreizen wollten, dass sie einen R-Rating-Hollywood-Superheldfilm mit einem sehr bekannten und beliebten Antihelden und eben solchem Hauptdarsteller realisierten. Ärgerlicher noch ist, dass die Gewaltszenen nicht mit derselben Komplexität und Ambivalenz aufwarten, die die Figuren auszeichnen. Daher wirkt es am Ende beinahe etwas befremdlich, wenn die Gewalttaten des sich ganz aufopfernden Protagonisten ‚heroisch‘ und immer noch relativ ‚sauber‘ daherkommen, da viele Wunden nur im Sekundenbruchteil zu erahnen sind und vor allem das Leiden der Opfer ausgeblendet wird.

Allerdings macht es der Film dem Publikum dann auch doch nicht so leicht: Zum einen wird das ungeheure monströse Potenzial von Logans Gewalt über seine Doppelgängerfiguren ausgelotet. (Hinzu tritt die Gegenüberstellung von Mutanten und Cyborgs, um Fragen zur Menschlichkeit, Andersartigkeit und menschlichen Würde aufzuwerfen.) Zum anderen huldigt der Film in einer Szene dem Westernklassiker SHANE (US 1953), der die vorgeblich ‚legitime‘ Gewalt und den Außenseiterstatus des Helden problematisiert, da dieser den Outlaws ähnlicher ist als den braven Bürgern, die er beschützt. Es verwundert daher auch wenig, dass der Regisseur immer wieder auf ästhetische Konventionen des Neon-Noir und des US-Westerns rekurriert, um die düsteren Facetten seines ambivalenten Antihelden zu erhellen. Erstaunlicherweise schafft es Mangold wie übrigens auch Paul Verhoeven in seinem aktuellen Kinofilm ELLE (F/B/D 2016), allen brutalen, tragischen und schockierenden Szenen zum Trotz erstaunlich oft mit überaus komischen Momenten beherzte Lacher im Publikum auszulösen. Regisseur James Mangold meistert ein breites Spektrum an Genre-Konventionen, um seine vielseitige Figur zu erforschen.

Zugegeben, der Film hat auch einige kleinere Schwächen sowohl dramaturgisch – warum nutzen die Kinder ihre übermenschlichen Kräfte nicht früher zu ihrer Verteidigung – als auch ästhetisch – die Auswirkungen von Professor X’ Anfällen sehen etwas ‚billig‘ aus. Doch das ist mehr als verschmerzbar. Dafür fällt der Film herrlich schnörkellos und frei von Kitsch aus. Weder gibt es die obligatorischen Flashbacks, um die Vergangenheit des Protagonisten als Held wie als Killer zu thematisieren, noch ein nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen an seine ehemaligen Freunde und Mitstreiter, als er auf die Kinder trifft, die ähnliche Kräfte haben. Wer die Figur kennt, weiß all das sowieso und kann mehr Zeit damit verbringen, die vielen durchdachten Verweise auf das Marvel-Superhelden-Universum zu entdecken. Wer weder mit der Figur noch dem Marvel-Film-Universum vertraut ist, muss wie in großen Dramen aus den Andeutungen und dem ambivalenten Verhalten der Figur dessen Komplexität und die Tragweite seiner inneren Zerrissenheit erschließen. Der Film fordert das Publikum auf, sich aktiv mit der Figur in all seiner Komplexität und Ambivalenz auseinanderzusetzen, um sich selbst ein Urteil über Logan zu machen.

LOGAN ist Hollywood at its best: Er funktioniert perfekt ebenso für alle, die einfach nur ein stringent erzähltes, spannendes Actiondrama mit etwas mehr Tiefgang und Anspruch erleben wollen, wie auch für diejenigen, die für die Komplexität des Films in seinen Details und Strukturen sensibel sind. LOGAN ist wie ein sorgsam und nuanciert erzähltes Independent-Drama mit den wohl dosierten Schaumomenten eines Hollywoodblockbusters. Damit ist LOGAN auch der Beweis dafür, wie intelligent, ästhetisch ansprechend und unterhaltsam Hollywoodfilme sein können, wenn sich die Filmemacher/innen erfolgreich mit ihren Visionen gegen die Geldgeber durchsetzen.

Peter Scheinpflug

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