Kritik zu „Logan“ (US 2017)

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Katharina Görgen

„Not okay“, lässt Logan die kleine Laura wissen, als diese den Verkäufer einer Tankstelle in Bedrängnis bringt. Warum ihr Verhalten nicht okay ist, führt er nicht aus, wohl weil er überfordert ist und vielleicht auch, weil er sich selbst nicht so ganz sicher ist, warum nicht einfach der Stärkere die Regeln macht.

Der letzte Teil mit Hugh Jackman als Wolverine stellt die Frage, was der gequälte Superheld jetzt eigentlich ist, dieser Einzelgänger, dessen Körper so viel schneller heilt als seine seelischen Wunden. Mensch oder Mutant? Ein Diener von Logos oder von Instinkt? Gut oder Böse? Und schließen sich diese vermeintlichen Gegensatzpaar überhaupt aus?

Dem alternden Wolf, dessen verlustreiches Leben sich in den Körper eingeschrieben hat, wird in seinem Schwanengesang nicht nur ein Kind, das er nicht wollte, zugemutet, sondern auch die Konfrontation mit dem eigenen Heldenimage, das so gar nicht zu den blutdurchtränkten Hemden passen will, die er trägt, wenn er nicht im Unterhemd die Muskeln präsentiert. Mit Charles, dessen geniales Gehirn ihm nicht mehr gehorcht und Laura – ebenso verstört wie tödlich – entsteht hier eine der interessantesten Familienkonstellationen der Superheldencommunity, vor allem weil keiner von ihnen wirklich Talent hat in diesem Bereich. Zwar sind sie gerade noch so in der Lage eine glückliche Familie zu erkennen, wenn sie eine sehen, für keinen von ihnen scheint dies jedoch eine Option zu sein, was Charles Hinweis „This is what life looks like“ zu einer unnötig grausamen Aussage macht. Ist dies wirklich, wonach ein kampferprobter Mutant streben sollte? Eine Farm im nirgendwo und eine nette Familie? Anders als die postkartentaugliche Kleinfamilie scheint Logan in diesem Ambiente fehl am Platz, wesentlich natürlicher fügt er sich in die apokalyptisch anmutenden Sets in der Wüste ein, die Schönheit in der Zerstörung finden und schon lange jenseits von Sinnfragen existieren.

Die Frage nach der theoretischen Möglichkeit von Glück für Logan lässt sich auch auf Baby-Wolverine übertragen. So viel Wut steckt in dieser kleinen Kampfmaschine, dass sich Familienglück nicht unbedingt als Zukunftsoption aufdrängt. Auch sie habe schon getötet, lässt sie Logan wissen, was ein emotional aufwühlendes aber unnötiges Geständnis ist. Denn über große Strecken des Films ist die kleine Laura eine beeindruckende, verbesserte Version des Kämpfers Logan, die völlig angstfrei und schockierend brutal tötet. Ob so viele in Großaufnahme durchbohrte Gehirne, zerfetzte Menschenkörper und abgetrennte Gliedmaßen wirklich nötig waren, um Vater-Tochter-Bonding zu ermöglichen? Die unnötige Gewalt und die permanenten Eskalationen hätte der Film nicht gebraucht, im Gegenteil: Die hochgradig relevante Frage, was mit Kriegern geschieht, wenn kein Krieg herrscht, wird zugunsten von ästhetisierter Gewalt immer wieder aus dem Blick verloren. Auch Fragen, die die Zukunft der Mutanten betreffen, verlieren sich im Nichts. Wurden sie wirklich ausgelöscht trotz aller Mühen und Opfer der X-Men und sind sie jetzt nur noch als zweckgebundene Kampfmaschinen denkbar? Für nichts davon interessiert sich der Film. Da geht dann auch schnell mal unter, dass die nächste gezüchtete Mutanten-Kriegergeneration zwar ethnisch diverser ist, dafür aber nicht so ganz helle. Das tagelange Streben auf die Grenze zu hat keinen der jungen Krieger dazu motiviert einen Plan zu entwickeln oder gar eine Verteidigungsstrategie. Ist Naivität doch der sicherste Weg nach Eden? Wenn dem so ist, dann wird das Paradies Laura ebenso vorenthalten bleiben wie Logan, dem auch das Finale keine Erlösung schenkt. Am Ende seiner Kräfte erträgt Logan nicht einmal mehr den großen Bösewichtmonolog des Wissenschaftlers, dessen Familie ihm so viel Leid zugefügt hat. Auch wenn in einem späteren Teil vielleicht Antworten versteckt gewesen wären – Logan hat den Punkt längst überschritten, wo dies noch einen Unterschied machen könnte. Dem Gegenspieler stattdessen das Gehirn weg zu pusten, stellt daher eine Verbeugung vor der Logik des Films dar, der zwar dem großen Superhelden, in letzter Instanz aber leider den Gewaltszenen huldigt.

Peter Scheinpflug

“I’m the best there is at what I do. But what I do isn’t very nice…”

Wir schreiben das Jahr 2029. Mutanten und die X-Men sind zu gespenstischen Legenden avanciert, da seit vielen Jahren kein neuer Mutant mehr geboren worden ist und nur noch wenige Mutanten leben. Geisterhaft schlägt sich auch Logan durchs Leben. Seine Tage als Superheld liegen weit hinter ihm. Inzwischen verdient er sich als Chauffeur für die Superreichen und lebt zurückgezogen in Mexiko – das bereits ist ein Statement  in Zeiten von Trump. Dort sorgt er für Charles Xavier aka Professor X (Patrick Stewart), nachdem der einst mächtigste Telepath der Welt erkrankt ist und unter Anfällen leidet, die ihn ausgerechnet die Kontrolle über seinen Verstand und seine Kräfte kosten. Auch Logans Kräfte funktionieren nicht mehr wie früher. Seine Wunden heilen kaum. Eine Klinge will nicht mehr ganz von alleine aus der Hand schießen wie früher. Er ist Alkoholiker, orientierungs- und hoffnungslos. Dann trifft er ebenso unverhofft wie ungewollt auf das Mädchen Laura (Dafne Keen), das wie er mit Krallen und Selbstheilungskräften ausgestattet ist. Sie sucht seine Hilfe auf der Flucht vor sadistischen Söldnern im Dienste eines Großkonzerns und zwingt ihn dazu, sich mit seiner Vergangenheit, seiner Identität, seiner Verantwortung und seinem bitteren Sehnen nach Erlösung und Tod auseinanderzusetzen.

Nach dem enttäuschend konventionellen Actionblockbuster THE WOLVERINE (US et al. 2013) hat James Mangold mit LOGAN endlich das Superhelden-Actiondrama vorgelegt, das man sich vom Regisseur von COPLAND (US 1997) und 3:10 TO YUMA (US 2007) hat erhoffen können. Ein ebenso ruhiges wie atemberaubend schön inszeniertes Actiondrama, das den Genre-Konventionen gehorcht und sich zugleich ganz viel Zeit für seine aufrechten Verlierer nimmt, deren Leben und Innenleben schwerer wiegen als die wenigen, perfekt choreographierten Actionszenen. Die große Stärke des Films liegt nämlich nicht in der wilden und brachialen Action, sondern in den ruhigen Momenten, in denen James Mangold mit einem wunderbaren Cast und den ästhetischen Mitteln des Films seinen Figuren Tiefe und Ambivalenz verleiht. Ihre Sorgen, Sehnsüchte, Hoffnung, Trauer, Selbstzweifel und Verzweiflung kommen in ebenso stimmungsvollen wie bedeutungsschweren Bildern zum Ausdruck, ohne dass viele Worte darüber verloren werden müssten. In vielen Szenen mutet der Film geradezu wie ein minimalistisches Kammerspiel an und weiß dennoch bestens zu unterhalten.

Nicht nur durch seinen ernsten Ton und seine ambivalenten Figuren unterscheidet sich LOGAN deutlich vom Gros der Hollywood-Blockbuster-Superheldenfilme der letzten Jahre, sondern auch durch seine drastischen Gewaltszenen. Trotz des phänomenalen Erfolgs von DEADPOOL (US 2016), der exzessive Gewalt als cartoonhafte Überzeichnung zelebrierte, sowie der realistischeren Gewaltdarstellung in den Netflix-Serien DAREDEVIL (US 2015) und JESSICA JONES (US 2015) setzten die großen Hollywoodstudios bei Marvel-Lizenzen weiterhin ganz auf familienverträgliche Blockbuster. Regisseur James Mangold und sein Star Hugh Jackman wollten LOGAN aber unbedingt als Superheldenfilm für Erwachsene in Szene setzen. Dafür akzeptierten beide angeblich nicht nur ein geringeres Budget, sondern Jackman sogar eine geringere Gage, um die Kosten des Films zu senken. Und LOGAN ist extrem brutal. Es werden Köpfe abgeschlagen, Arme und Beine abgeschnitten, Schädel durchbohrt und Klingen dutzendfach in Körper gehauen, während das Blut in Fontänen spritzt. Die Gewalt-Inszenierung ist dabei zwar durchaus realistisch, wirkt aber leider insgesamt zu exzessiv. Teilweise kann man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Filmemacher offensiv ausreizen wollten, dass sie einen R-Rating-Hollywood-Superheldfilm mit einem sehr bekannten und beliebten Antihelden und eben solchem Hauptdarsteller realisierten. Ärgerlicher noch ist, dass die Gewaltszenen nicht mit derselben Komplexität und Ambivalenz aufwarten, die die Figuren auszeichnen. Daher wirkt es am Ende beinahe etwas befremdlich, wenn die Gewalttaten des sich ganz aufopfernden Protagonisten ‚heroisch‘ und immer noch relativ ‚sauber‘ daherkommen, da viele Wunden nur im Sekundenbruchteil zu erahnen sind und vor allem das Leiden der Opfer ausgeblendet wird.

Allerdings macht es der Film dem Publikum dann auch doch nicht so leicht: Zum einen wird das ungeheure monströse Potenzial von Logans Gewalt über seine Doppelgängerfiguren ausgelotet. (Hinzu tritt die Gegenüberstellung von Mutanten und Cyborgs, um Fragen zur Menschlichkeit, Andersartigkeit und menschlichen Würde aufzuwerfen.) Zum anderen huldigt der Film in einer Szene dem Westernklassiker SHANE (US 1953), der die vorgeblich ‚legitime‘ Gewalt und den Außenseiterstatus des Helden problematisiert, da dieser den Outlaws ähnlicher ist als den braven Bürgern, die er beschützt. Es verwundert daher auch wenig, dass der Regisseur immer wieder auf ästhetische Konventionen des Neon-Noir und des US-Westerns rekurriert, um die düsteren Facetten seines ambivalenten Antihelden zu erhellen. Erstaunlicherweise schafft es Mangold wie übrigens auch Paul Verhoeven in seinem aktuellen Kinofilm ELLE (F/B/D 2016), allen brutalen, tragischen und schockierenden Szenen zum Trotz erstaunlich oft mit überaus komischen Momenten beherzte Lacher im Publikum auszulösen. Regisseur James Mangold meistert ein breites Spektrum an Genre-Konventionen, um seine vielseitige Figur zu erforschen.

Zugegeben, der Film hat auch einige kleinere Schwächen sowohl dramaturgisch – warum nutzen die Kinder ihre übermenschlichen Kräfte nicht früher zu ihrer Verteidigung – als auch ästhetisch – die Auswirkungen von Professor X’ Anfällen sehen etwas ‚billig‘ aus. Doch das ist mehr als verschmerzbar. Dafür fällt der Film herrlich schnörkellos und frei von Kitsch aus. Weder gibt es die obligatorischen Flashbacks, um die Vergangenheit des Protagonisten als Held wie als Killer zu thematisieren, noch ein nostalgisches Schwelgen in Erinnerungen an seine ehemaligen Freunde und Mitstreiter, als er auf die Kinder trifft, die ähnliche Kräfte haben. Wer die Figur kennt, weiß all das sowieso und kann mehr Zeit damit verbringen, die vielen durchdachten Verweise auf das Marvel-Superhelden-Universum zu entdecken. Wer weder mit der Figur noch dem Marvel-Film-Universum vertraut ist, muss wie in großen Dramen aus den Andeutungen und dem ambivalenten Verhalten der Figur dessen Komplexität und die Tragweite seiner inneren Zerrissenheit erschließen. Der Film fordert das Publikum auf, sich aktiv mit der Figur in all seiner Komplexität und Ambivalenz auseinanderzusetzen, um sich selbst ein Urteil über Logan zu machen.

LOGAN ist Hollywood at its best: Er funktioniert perfekt ebenso für alle, die einfach nur ein stringent erzähltes, spannendes Actiondrama mit etwas mehr Tiefgang und Anspruch erleben wollen, wie auch für diejenigen, die für die Komplexität des Films in seinen Details und Strukturen sensibel sind. LOGAN ist wie ein sorgsam und nuanciert erzähltes Independent-Drama mit den wohl dosierten Schaumomenten eines Hollywoodblockbusters. Damit ist LOGAN auch der Beweis dafür, wie intelligent, ästhetisch ansprechend und unterhaltsam Hollywoodfilme sein können, wenn sich die Filmemacher/innen erfolgreich mit ihren Visionen gegen die Geldgeber durchsetzen.

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