Kritik zu „Peggy Guggenheim: Art Addict“ (US/UK/I 2015) von Katharina Görgen

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Peggy Guggenheim, oder: sex sells auch für Liebhaber der schönen Künste

Wie alle Dokumentarfilme über historische Persönlichkeiten muss sich auch „Peggy Guggenheim. Art addict“ fragen: Was möchte ich erzählen? Ein ganzes Leben in all seinen Facetten ist in 90 oder auch 120 Minuten nicht zu fassen, weshalb dramaturgische Entscheidungen getroffen werden müssen. Lisa Immordino Vreeland trifft die denkbar schlechtesten. Nicht nur möchte sie die gesamte Lebensspanne ihres Sujets abdecken, sie möchte auch Zeitzeugen zu Wort kommen lassen und das enfant terrible der Guggenheimfamilie natürlich auch. Dabei fügen sich die einzelnen Teile nicht magisch zu einem Mosaik zusammen, sondern bleiben als durchschnittlich spannende Versatzstücke eines Filmes ohne Thema zu erkennen.

Mit Peggy Guggenheim wählt sich Vreeland eine der wenigen großen Frauen in der modernen Kunst zum Thema, die eine bedeutende Kunstsammlung aufgebaut hat, diese vor den Nazis gerettet und nachweislich dazu beigetragen hat die Kunst der Moderne zu verbreiten. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb geht es auch in diesem Film für eine kunstinteressierte Zielgruppe um ihre Bettgeschichten und Affären. Max Ernst zu vögeln scheint für das Publikum interessanter zu sein als Max Ernst zu fördern. Obszöne Zeichnungen großer Meister werden gerne von der Kunstgeschichte zu hoher Kunst erklärt, die selbstverständlich nicht pornografisch ist. Künstler und Männer aus dem Kunstumfeld, die sich nachweislich durch die Betten ihrer Zeit gearbeitet haben, werden heute ausschließlich für ihre Kunst verehrt. Die Frauen, die sie inspirierten oder einfach nur kurzfristig befriedigten, blieben Randfiguren der Kunstgeschichte. Bei Peggy Guggenheim verhält es sich genau anders herum: Die Männer, mit denen sie involviert war, werten sie scheinbar auf. Viel schlimmer noch: Die Einkäufe der Visionärin werden als Beleg dafür angeführt, dass sie zeitlebens auf die richtigen Männer hörte und so ihre eigenen Bildungslücken kompensieren konnte. Dass eine moderne Frau, die sich für Kunst begeistert, vielleicht eigene Parameter anwendet, auf solch ‚abwegige Gedanken‘ kommt der Film leider nicht. Stattdessen lässt er eine gealterte Peggy Guggenheim berichten, wie „wonderfull“ die einzelnen Künstler in ihrem Leben waren und bis zu welch hohem Alter ihnen noch Erektionen möglich waren. Nicht eine einzige Frage wird zu ihren künstlerischen Vorlieben, ihrem Sammlungsstil oder ihrer Präsentationsart gestellt. Nun könnte man anführen, dass hier auf historisches Tonmaterial zurückgegriffen wurde, das aus einer Zeit stammt, in der noch andere Rollenbilder vorherrschten. Diese 2016 einfach zu reproduzieren, ohne eine eigene Position zu entwickeln, ist nicht nur langweilig, es nimmt dem Film auch die Möglichkeit mehr zu sein, als die Bebilderung einer Selbstdarstellung, die auch aus einer Zeit stammt, in der Frauen Ehefrauen zu sein hatten.

Wenn das größte Kompliment, das ein Mann einer finanziell und sozial derart potenten Frau machen kann, ist, dass sie im Herzen noch ein kleines Mädchen sei, dann ist das nur ein weiterer trauriger Beweis dafür, dass die Kunstwelt nicht von Männern dominiert WAR, sondern dies immer noch ist und zwar von Männern, die alles dafür tun Peggy Guggenheim zu einer exzentrischen Randerscheinung zu machen.

Möge Gott bewahren, dass Menschen wie Peggy Guggenheim Kunst einfach aus Interesse kaufen, gegen die Regeln des Kunstmarktes und vor allem gegen den Rat männlicher Experten. Lieber erzählen wir noch einmal die Geschichte der Frau mit dem vielen Geld, den vielen Hunden und der zu großen Nase.

Katharina Görgen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.