Respondenz-Kritik zu „Peggy Guggenheim: Art Addict“ (US/UK/I 2015) von Peter Scheinpflug

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

„Because of her lack of beauty …“

Der Film wäre auf 3Sat an einem Donnerstagabend um 21:45 Uhr besser aufgehoben. Denn stilistisch hat PEGGY GUGGENHEIM: ART ADDICT nichts zu bieten, wofür sich die große Leinwand lohnen würde. Der Film entbehrt gänzlich einer eigenen anregenden Bildsprache – und das bei diesem Ausgangsmaterial – und ist schrecklich konventionell, ja, bieder. Die Interviews sind statisch, frontal in Nahen und Halbnahen gehalten. Daneben wird viel Archivmaterial gezeigt, das wenig spektakulär und noch weniger aussagekräftig ist. Wenn anregendes Material, das Staunen macht, doch einmal vorkommt, erschließen sich die Bezüge oft nicht oder aber es werden dem Publikum Taschenspielertricks untergejubelt. So darf das Publikum beispielsweise einige Zeit rätseln, was die Beziehungen zwischen Regiemeister Alfred Hitchcock und Peggy Guggenheim sein sollen, bevor implizit zu erschließen ist, dass das gezeigte Filmzitat, nämlich die legendäre Traumsequenz aus Spellbound (US 1945) lediglich als Illustration für die Grundprinzipien des Surrealismus dienen soll. Warum dieses Filmzitat gewählt wurde, erschließt sich allerdings auch dann noch nicht. Am Ende werden wir aber darauf zurückkommen.

Es mag vielleicht als besserer Ton des Dokumentarfilms gelten, sein Material möglichst selbst sprechen zu lassen – ich würde diese Position freilich aufs Schärfste anfechten! Die Zeitdokumente unkommentiert zu lassen, führt in PEGGY GUGGENHEIM: ART ADDICT jedoch immer wieder zu überaus fragwürdigen Momenten. Etwa wenn das Vorgehen des NS-Regimes gegen die moderne Kunst mit dem Holocaust verglichen wird oder aber wenn der Transport von Peggy Guggenheims Kunstsammlung von Paris nach New York wie eine Abenteuergeschichte zur Zeit des zweiten Weltkriegs geschildert wird. Freilich erzählt wird mit O-Ton-Zitaten und Archivmaterial. Dennoch stößt dies so bitter auf, da dieses Material für den Film ausgewählt und entsprechend montiert wurde. Dabei kommt leider nie der Eindruck auf, dass das Material dazu dienen soll, die Strategien, die Peggy Guggenheim für ihre Selbstinszenierung einsetzte, offenzulegen.

Noch heikler aber ist dieses Problem des Films mit Blick darauf, dass – wie auch Katharina Görgen zu Recht kritisch ausführt – die Geschichte einer Frau, die sich an zentraler Stelle in die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat, vorrangig über Männer erzählt wird: ihr Vater, ihr erster Ehemann, John Holms, Marcel Duchamp, Max Ernst… Es verwundert daher, dass früh im Film die Aussage hervorgehoben wird, dass Peggy Guggenheim ihr eigenes größtes Kunstwerk gewesen sei – denn hauptsächlich predigt der Film, dass sie vor allem das Werk von Männern gewesen sei. Wenn dies das einzige Material gewesen wäre zu dieser Frau, wäre das überaus vielsagend – aber das geht leider nicht aus dem Film hervor. Freilich könnte man auch mutmaßen, dass deutlich werden soll, wie eine erfolgreiche Frau sich über Männer in einem patriarchal strukturierten Kunstgeschäft behaupten muss – dies beißt sich aber damit, dass der Film Peggy Guggenheim vereinzelt als feministische Vorreiterin vorstellt. Es scheint sich hier weniger um konträre Blicke auf eine facettenreiche Persönlichkeit oder gar um Sollbruchstellen mit einem ordentlichen Reflexionspotenzial zu handeln, denn viel mehr um eine fehlende kritische Distanz zum Material, eine fehlende Struktur und ein fehlendes Konzept bei der Filmemacherin.

Dies macht sich auch bemerkbar in den gähnend langen Passagen zu einem ausschweifenden Sexleben, das schon zu Lebzeiten von Peggy Guggenheim ebenso kontrovers wie ausgiebig diskutiert worden ist. Der Film reiht hier eine banale Anekdote an die nächste und reizt das Material ganz aus für viele ebenso heitere wie letztlich in der Bedeutungslosigkeit verhallende Lacher.

Früh im Film heißt es: „Because of her lack of beauty“ habe Peggy Guggenheim sich über andere, nämlich über Künstler profilieren müssen. Auch dies lässt der Film unkommentiert und unreflektiert. Das ist deshalb so bezeichnend, da diese überaus problematische Aussage über eine der wichtigsten Kunstsammlerinnen und -mäzeninnen des 20. Jahrhunderts eigentlich viel besser auf den Film selbst zutrifft, der furchtbar konventionell, bieder, geistlos, uninspiriert und schlicht langweilig ist, aber sich profiliert durch andere, durch seinen Star Peggy Guggenheim, durch viele weitere Stars der Kunstszene, aber auch durch Robert De Niro, der uns mit einem erfirschend und zugleich entlarvend selbstironischen Schmunzeln von seiner tiefen Verbundenheit mit Peggy Guggenheim im Alter von drei Jahren erzählt.

Ach, deswegen wurde wohl auch das Filmzitat aus einem berühmten Werk von Alfred Hitchcock gezeigt!

Peter Scheinpflug

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