Kritik zu „Silence“ (USA, MEX, Taiwan 2016)

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Katharina Görgen

Silence, oder: das Scheitern männlicher Egos

Kunde wird nach Portugal getragen, dass der Jesuit Ferreira dem Glauben abgeschworen habe. Dies ist der Auslöser für zwei junge Pater sich auf die Suche zu machen – nach ihrem einstigen Lehrer und der erhofften Zukunft des Christentums in Japan. Das ist der erste Moment des Films, in welchem männliche Egos gegen jede Logik agieren. Denn den beiden jungen Glaubensbrüdern ist vor allem unbegreiflich, dass derjenige, der sie im Glauben geführt hat, diesem nicht treu blieb. Berichte über Folter und Verfolgung von Christen in Japan schieben sie dabei achtlos beiseite. Bezeichnender Weise beschäftigt sich keiner der beiden mit dem Ziel der Reise, eine Ignoranz, die sie sich beibehalten, immer geschützt durch die Gewissheit, nicht weniger als das Wort Gottes weiterzutragen. Das könnte man unter zwei Milchbubis auf Mission in einem nebelumwobenen Land abtun, wäre der Film nicht auf so schockierend vielen Ebenen bedenklich. Während er die beiden Jungstars auf ästhetischer Ebene gerne mal in die Nähe von Popstars rückt, das lange Haar sanft ins Gesicht fallend, gehüllt in leicht verlotterte Stoffmäntel, wird die Tonebene parallel – neben all den meisterlichen audiovisuellen Momenten (siehe Kritik Scheinpflug) – für ein Voice Over der Priester genutzt. Sätze wie: „We had nothing to bring to Japan but our heart“ sind über diese Tonspur zu vernehmen. Derartige Pathetik mag in Teenager-Tagebüchern akzeptabel sein, in anderen Formaten wird es da schon schwieriger. Zumal die beiden nicht nur ihre Herzen nach Japan bringen, sondern durch ihre Anwesenheit ein Sicherheitsrisiko für alle darstellen, mit denen sie Kontakt haben. So freuen sich die verfolgten Christen zwar über die Anwesenheit geistiger Führer, riskieren für die beiden aber auch permanent ihr Leben. Wie erwartet geht das nicht lange gut. Als Bewohner des Dorfes sich weigern ein Bild der Mutter Gottes mit Füßen zu treten, werden drei Männer als abschreckendes Beispiel vor den Augen des Dorfes zu Tode gefoltert. In berauschend schönen Bildern. Hier die Erhabenheit des Martyriums anzuführen, geht nicht wirklich auf. Die Katholische Kirche, die wahre Meisterin des Mythos Martyrium, die sich den ans Kreuz genagelten Jesus zur Ikone des Glaubens auserwählt hat, wollte den Unwissenden hiermit kommunizieren: Für dich ist er gestorben, schuldest du ihm nun nicht deine Demut und deine Anhängerschaft? Das Martyrium führt auch deshalb direkt ins Paradies, weil es ein Instrument der Kontrolle für die Kirche darstellte. Für welche Botschaft steht das Martyrium nun bei Scorsese? Hinterfragt er es vielleicht auf kluge Art und Weise oder bekräftigt er es als katholische Wahrheit? Weder noch. Die einzige Botschaft, die Scorseses Martyriumssequenzen transportieren, ist, dass er der Meister der Bilder ist. Es mag altbacken klingen und auch sein, aber an dieser Stelle möchte ich für meine von der Wissenschaft gerne belächelten Werten einstehen: Ästhetisierte Folter zu Unterhaltungszwecken zu zeigen ist nicht in Ordnung. Auch wenn das in der Argumentation gerne behauptet wird, ist es mitnichten so, dass wie bei Feuer, Schere und Stein die Kunst oder die Ästhetik immer die Moral schlägt. Einen zu Tode gefolterten Körper in epischer Langsamkeit durch das Bild tragen zu lassen, hat nichts mehr mit Erzählen zu tun, sondern ist ästhetische Selbstbefriedigung. Meine Empörung ist kein Beleg für das Gelingen eines hehren Zieles (das ich nicht erkennen konnte), es ist Empörung über den respektlosen Umgang mit dem menschlichen Leben, das hier zu Selbstzwecken entweiht wird – um in der Sprache des Themas zu bleiben.

Einmal ganz abgesehen davon, dass bei der FSK die Freigaben offensichtlich gewürfelt werden. Wie kann es sein, dass das Foltern von Menschen, das keinesfalls nur angedeutet wird, 12jährigen Zuschauern zugemutet werden kann?
Auf der Tonspur ringt der Priester weiter mit seinem Gott, den er gerne auch mal ganz unegomanisch im eigenen Spiegelbild erblickt. Auch nachdem er zahlreichen Menschen beim Sterben zugesehen hat und die Methoden des Inquisitors – den er als maximal unvorbereiteter Heilsbringer nicht einmal erkannt hat – aus nächster Nähe hat studieren können, überschätzt er noch immer sich und seinen Einfluss. Er sieht nicht kommen, dass Etappensiege immer Anlass zu weiteren Grausamkeiten sind, sondern sonnt sich kurz in der vermeintlichen Stärke, die er durch seinen Gott bringt.
Und dann – wie könnte es anders sein – spricht auch Gott persönlich, da große Männer einfach gerne zusammen arbeiten.

In einer Zeit, in der Menschen auf der ganzen Welt für ihren Glauben sterben, trägt der Film exakt nichts zur Debatte bei. Warum jetzt dieses Thema? Warum gefolterte Christen in einer Epoche und an einem Ort, über die der Zuschauer vermutlich recht wenig weiß?
In einer Zeit, in der Nachrichtenbilder geschändete Körper zeigen und Aufnahmen ertrunkener Flüchtlinge in den Alltag eingedrungen sind, wagt Scorsese sich nicht an die wichtigen Fragen. Wann dürfen wir pragmatisch handeln, um zu überleben? Und entbindet ein angenommenes Paradies von einer Fürsorgepflicht zu Lebenszeiten?
Zu alldem schweigt Scorsese, während er seinen kleinen Egomanen, umgeben von den so bedeutungsschwanger gekrümmten Gefängnisstäben, beobachtet. Zu behaupten, dass aus dieser Verweigerung einer Haltung automatisch im Zuschauer das Bedürfnis entstehe eine eigene Position zu entwickeln, klingt mir doch verdächtig nach Schutzbehauptung.

Martin Scorsese, der diesen Film angeblich schon seit Jahrzehnten machen wollte, fokussiert sich auf die Farbkompositionen seiner Bilder und die Geräuschkulisse des Urwaldes, die zwischen Priester und dem Schweigen Gottes steht. Das reicht bei weitem nicht für über zwei Stunden Film, so dass mir nichts anderes bleibt als zu wünschen, der große Scorsese hätte an dieser Stelle selbst geschwiegen.

Katharina Görgen

Peter Scheinpflug

Mission: impossible

In Roland Joffes MISSION (UK/F 1986) spielte Liam Neeson einen jungen Jesuitenpriester, der seinen Glauben und seine Gemeinde im Südamerika des 18. Jahrhunderts mit der Waffe gegen die kolonialistischen Interessen des spanischen Königs verteidigt und letztlich als Märtyrer sein Leben gibt. In Martin Scorseses SILENCE spielt Liam Neeson wieder einen Jesuitenpriester. Im Japan des 17. Jahrhunderts soll er jedoch unter Folter seinem Glauben abgeschworen, einen japanischen Namen und den buddhistischen Glauben angenommen haben. Oder zumindest hören dies zwei seiner Schüler als Gerücht, das beide schier nicht glauben können. Die beiden machen sich daher heimlich nach Japan auf, um ihren Lehrer zu finden und um sich selbst ein Bild von der erbarmungslosen Verfolgung von Christen durch das Tokugawa Shogunat zu machen.

Und so beginnt ein ebenso epochales und atemberaubend schönes wie auch aufwühlendes und zutiefst bewegendes Meisterwerk. Scorsese greift auf eine erstaunliche Vielzahl ästhetischer Mittel zurück, um mit der Versiertheit eines erfahrenen Meisters jede einzelne Szene genau zu komponieren. Damit meine ich weniger die überwältigenden Landschaftsaufnahmen im Cinemascope-Format, die die Kinoleinwand nicht nur ganz füllen, sondern auch in allen ihren Qualitäten voll ausnutzen. Nein, mir geht es um den für das ungeübte Auge wahrscheinlich kaum wahrnehmbaren gezielten Einsatz filmischer Mittel, die große Wirkung auf das Publikum haben. Etwa die Achsensprünge, die uns ganz genau die Momente der Überraschung, der Verwirrung und des inneren Zwistes der beiden Jesuitenpriester vermitteln, als sie vom Schicksal ihres Lehrers erfahren. Oder aber das Weitwinkelobjektiv, das die Gefängnisgitter um Pater Rodrigues krümmt, als er in seiner Zelle ganz auf seine Hilflosigkeit und Verzweiflung zurückgeworfen ist. Oder – um lediglich noch ein weiteres Beispiel anzuführen – die zunächst überraschend surrealen und mystischen Bilder, die Japan düster und bedrohlich erscheinen lassen, sich aber schnell als subjektive Wahrnehmung des ängstlichen jungen Priesters offenbaren, dem alles ebenso fremd wie potenziell gefährlich vorkommt.

Doch nicht nur visuell, sondern vor allem audiovisuell ist der Film unglaublich mächtig. Martin Scorsese ist berühmt für seine Nutzung der Audiovisualität des Films und insbesondere für den bewussten und exakten Einsatz von Stille – dieses Video zeichnet dies sehr schön nach –, doch in SILENCE übertrifft er seine bisherigen Glanzleistungen bei weitem. So wird uns beispielsweise eine die Sinne überwältigend reiche Geräuschkulisse zu Halbnahen und Nahen geboten, um uns in ein hyperrealistisches Geschichtsbild zu ziehen, nur um kurz darauf eine Weite zu präsentieren ganz ohne Ton, die uns schlagartig aus dem Geschehen herauskatapultiert und zur kritischen Distanz zum Gesehenen wie auch zu den zuvor vom Film genutzten seduktiven Strategien zwingt. In anderen Szenen ist die Tonspur schmerzhaft laut und dröhnend, so dass wir die physischen Qualen der Gefolterten und die Seelenqualen der Priester miterleben müssen. Immer wieder verdeutlichen uns Geräusche aus dem Off, dass unser Blick eingeschränkt ist, unser Wissen unvollständig. Bei diesem versierten Einsatz des Tons ist es kaum verwunderlich, dass der Film uns gleich zu Beginn nach einer Geräuschkulisse, die nie im Film bebildert wird (s.u.), als maximalen Kontrast mit einer Weiten und Stille konfrontiert und uns auf das ungemein durchdachte Spiel mit dem Verhältnis von Ton und Bild vorbereitet, das in SILENCE nicht nur eine erstaunliche Wirkmacht entfaltet, sondern auch bemerkenswerte Reflexionspotenziale eröffnet.

Dieselbe Szene bereitet uns auch auf die drastische und realistisch dargestellte Gewalt im Film vor, die die FSK wahrscheinlich nur deshalb für Person ab 12 Jahren freigegeben hat, da das Gremium davon ausging, dass Jugendliche wenig Interesse und noch weniger die erforderliche Geduld für den Film aufbringen würden. Es ist Katharina Görgen vollends zuzustimmen, dass die ungeheure Gewalt der Folter seit der ersten Szene befremdlich hyperästhetisiert und, ja, geradezu erschreckend schön in Szene gesetzt ist. Doch auch dies, meine ich, ist überaus funktional für die gesamte Anlage des Films: Diese Gewaltästhetik ließe sich freilich schlicht als ästhetischer Ausdruck der Erhabenheit des Martyriums verstehen – was als Rezeptionshaltung ebenso masochistisch wie erzkatholisch wäre. Vielmehr jedoch wirken der unglaubliche Sadismus und die unfassbare Brutalität der Folter erst so schockierend im Kontrast zur wohlgefälligen Schönheit der Bilder. Mehr noch: Ikonographische Traditionen des Martyriums, die visuell aufgegriffen werden, brechen sich an dem entsetzlichen Realismus der Gewalt und des Leidens. SILENCE praktiziert so Kritik an der Hyperstilisierung und Glorifikation des entsetzlichen Leidens von Märtyrern. Katharina Görgens Aufregung über die Gewaltdarstellungen scheint mir daher eher ein eindrückliches Zeugnis dafür zu sein, wie gut Scorseses Inszenierung funktioniert, da wir die Leiden der Verfolgten nicht einfach nur sehen und verstehen, sondern ihre Schmerzen, ihre Ohnmacht und ihre Verzweiflung miterleben sollen, ob wir wollen oder nicht. Daher verstehe ich auch nicht den Vorwurf, dass der Film ‚langweilig‘ sei, wie in beachtlich vielen Kritiken zum Film zu lesen ist. Im Gegenteil: Mir erschien er keine Sekunde zu lange ebenso wie keine Szene ohne tieferen Sinn und höhere Funktion für das gesamte Werk. Der Film zeigt uns nicht, sondern übt uns ein und gibt uns immer wieder ruhige Momente, in denen wir wie die Figuren uns besinnen können. SILENCE gleicht mithin einer grandiosen Lektion in Demut, Toleranz, Respekt und Geduld.

Es mag nun dem geschuldet sein, dass ich als Atheist einen etwas verqueren Blick auf den Film haben mag, aber – Achtung: Spoiler!!! – mir erschien es auch absolut konsequent und schlüssig, dass am Ende vermeintlich Jesus zum verzweifelten Vater Rodrigues spricht. Es verwundert nämlich wenig, dass die Stimme als voice-over ertönt und sich damit lückenlos in die Logik eines voice-over einfügt, das minutiös dokumentiert, wie sich der junge Priester in immer größerem Wahn mit Jesus identifiziert. Auch daher ist der Film keine Minute zu lang, denn nicht langsam, sondern genau und verständlich zeichnet Scorsese nach, wie ein junger Mensch sich radikalisiert und in ein Wahnsystem der Religion hineinsteigert. Damit ist der Film so zeitgemäß und wichtig wie wenige andere Filme derzeit im Kino.

Überhaupt muss man den Film nicht als Glaubensbekenntnis eines katholischen Regisseurs sehen, der wie so viele seine auteur-Kollegen – am berühmtesten wahrscheinlich Ingmar Bergman mit DAS SIEBENTE SIEGEL (S 1957) und DIE JUNGFRAUENQUELLE (S 1960) – die Theodizee filmisch durchexerziert. SILENCE funktioniert noch besser auf einer abstrakteren Ebene als Konflikt zweier Kulturen. Die Fragen, die der Film aufwirft, sind dann ebenso universal wie dringlich: Da geht es etwa um die Frage, wie die kulturellen Hybride, die aus interkulturellen Aneignungsprozessen hervorgehen, zu bewerten sind. In einer anderen Szene wird hingegen vorgeführt, dass Wahrheit ein flottierender Signifikant ist, der eigentlich nur als Machtinstrument dient, um eigene Interessen wider bessere Argumente durchzusetzen. Auch das Machtgefälle und die Ignoranz einer imperialistischen (Geistes-)Haltung des (Be-)Lehrens, ohne selbst lernen zu wollen, wird auf drastische Weise deutlich, wenn die Jesuitenpriester die für sie fremde Sprache nicht lernen, sich dann aber über Missverständnis und ihrer Meinung nach falsche Übersetzungen echauffieren. Und wenn die Priester früh im Film bereits Beichten abnehmen, deren Inhalt sie aus Unkenntnis der Sprache kaum verstehen, aber trotzdem die Absolution erteilen, wird die Ritualhaftigkeit und Widersinnigkeit ihres missionarischen Tuns mehr als deutlich. Die Unterdrückung und gewaltsame Homogenisierung, mit denen der Missionierung begegnet wird, bringen nach der Logik des Films hingegen monströse Gewalt und katastrophale Verwerfungen in der Gemeinschaft wie in der individuellen Psyche hervor. (Der Film taugt mithin auch als harsche Kritik an der Abschottungspolitik des Trump-Regimes.)

Dabei mag es zunächst überraschen und frustrieren, dass Scorsese wenig Hintergrundinformationen für die Missionierung Japans wie auch für deren Bekämpfung durch das Shogunat anbietet. Zum einen eröffnet sich gerade dadurch jedoch eine universale Dimension von Scorseses Film und zum anderen wird das Publikum gezwungen, die beiden (Glaubens-)Kulturen als gegeben anzunehmen und nach Lösungen für deren friedliche Koexistenz zu suchen. SILENCE führt dem Publikum mit dieser Verweigerungshaltung auch vor Augen, wie schnell es aufgrund konventioneller Bildpolitiken zu Werturteilen und Sympathieverteilungen kommen mag, ohne eigentlich über genügend Hintergrundwissen dafür zu verfügen und obwohl Scorsese eine eindeutige Aufteilung in Gut und Böse immerzu durchkreuzt und die Relativität von ‚Wahrheit‘ und ‚Legitimität‘ von den Figuren selbst reflektieren lässt.

Der Film zeichnet so ein überaus komplexes und facettenreiches Bild der Herausforderungen und Fallstricke interkulturellen Austausches und gleicht mithin einem ebenso überzeugenden wie empathischen Plädoyer für Pluralität und kulturelle Hybridität als einzig gangbarer Lösung für kulturelle Konflikte in Zeiten der Globalisierung. Wer sich deswegen jedoch Antworten von Scrosese dazu erhofft, wie dies in heutigen Konstellationen umgesetzt werden kann, wird bitter enttäuscht werden: Auch der Film schweigt nämlich zu diesen existenziellen Fragen. Wie der Protagonist seinen Glauben so muss jede Zuschauerin und jeder Zuschauer eine Antwort für sich selbst finden und diese im Alltag konsequent leben.

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