Die Grenzen von Tanz und Performanz

Das Borderlands Festival hat mich am 8. und 9. Dezember für zwei Abende in die TanzFaktur in Deutz gelockt. Die TanzFaktur ist ein Begegnungsort für Tanz, bietet Kurse und ist selbst Aufführungsort für zeitgenössischen Tanz. So auch für das Borderlands-Festival, das jedes Jahr zwei Nachbarländer Deutschlands, die selbst keine Grenze teilen, im Tanz, in der Performance zusammenbringt. Das Performance-Programm wird von Tanzfilmen und Musik abgerundet. Und natürlich mit viel Glühwein aus Omas gutem (und auch dem schlechten) Sammeltassenkaffeeservice untermalt.

Im Dezember 2017 teilten sich hier mit Kirill Burlov und Tomas Danielis zwei Künstler aus Großbritannien und der Slowakei die Bühne – die zwar mit Deutschland beide keine Grenze, aber auch performativ wenig miteinander verbindet. Sind die beiden Performances des Londoner Letten Burlov stark mit Tanz, Körper und Kostüm beschäftigt, verkörpert der belgische Slowake Danielis zuallererst: sich selbst. Burlovs „Absinth“ (Einen Ausschnitt aus der Performance findet man hier) und „S/He“ sind Stücke für zwei TänzerInnen, deren Interaktion die Spannung auch über den monotonen Synthesizer (Platon Buravicky) aufrecht erhält. Danielis‘ „Suite No 4 – SEARCH/MOVE/SEARCH“ ist eine Performance für eine Person, die sich der Musik Johann Sebastian Bachs (Englische Suite 2 in a-Moll BWV 807) mit der gleichen Nonchalence bedient, wie sie ohne klaren Bezug zum Thema einen Text George Carlins über sprachliche Euphemismen einspielt.

Großbritannien lässt den Tanz für sich sprechen, wenn die TänzerInnen aneinander geraten, die Wände in ihre Spiele einbeziehen und unter Reifröcken und geschnürten Korsagen zumindest visuell die Grenzen der Geschlechter performativ befragen. Die Slowakei muss den Künstler für die Performance sprechen lassen, die eine Assemblage (im schlechteren Sinne) von Bewegung und Versuch, Selbstauskunft und Zitat ist. Aber immerhin ehrlich. So trifft technisch präziser Tanz auf etwas, das sich an den äußeren Rändern von Performance bewegt und auch knapp hinter (oder vor?) der Grenze des Aufführbaren (im ethischen Sinne) liegt. Danielis thematisiert diese seine Rolle auf der Bühne und als Performer durchaus: „You came here to see me and you paid for it“. Und während er sich hier am Samstagabend an einer Sichtbarmachung des theatralen Dispositivs versucht, begnügt sich der Londoner Künstler damit, einen weißen Tannenbaum mit lebendiger Spitze, einer sich wiegenden Emma Farnell-Watson, ins Foyer der TanzFaktur zu stellen, deren industrieller Charme von antiquierten Polstermöbeln vorweihnachtlich erwärmt wird.

Fazit: Tomas Danielis ist sicherlich der mutigere Künstler aus der diesjährigen Länderkombination. „Schöner“, aber eben auch im Sinne von konventioneller, sind dagegen die Arbeiten von Kirill Burlov. Ein sympathischer Intendant führt durch das Programm des Grenzfestivals, von dem man sich neben Allgemeinplätzen jedoch vielleicht noch ein paar Worte zur Konzeption der Kombination der beiden Künstler gewünscht hätte. Das kleine Festival mit überschaubarem Publikumszulauf verdient trotzdem mehr Aufmerksamkeit.

 

BORDERLANDS Festival
8./9 Dezember
TanzFaktur
Siegburger Str. 233W
50679 Köln

 

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