Analog vs. Digital – Vinyl vs. Spotify

 

Ich komme zur Tür herein, schaue mich um. Wenig Platz in dem vollgepackten Raum. Kisten auf dem Boden, ein langhaariger Typ drückt sich an mir vorbei – „Wie gehts man!“ – und fällt dabei fast um, fasst sich wieder und läuft grinsend und stolz auf seine Eroberung aus dem Laden. Von der Kasse hört man nur noch ein freundliches „Wir sehen uns“, gefolgt von einer Begrüßung, wie man sie vielleicht erwartet, wenn man einen Freund besuchen kommt. Nicht um tatsächlich etwas zu tun, nur um mal wieder ein bisschen zu chillen. „Hier steht Kaffee, schmeiß deine Jacke da hinten hin und sag Bescheid, falls du was brauchst!“, lässt mich der Ladenbesitzer gut gelaunt, mit tief ins Gesicht gezogener Cap wissen. Im Hintergrund läuft Musik aus einem Genre, das ich noch nie gehört habe, sehr passend zur Atmosphäre. Ich lasse den Blick schweifen: Platten an den Wänden, Platten in den Regalen, Platten in den Kisten auf dem Boden und zwei Plattenspieler mit angeschlossenen Kopfhörern an der Wand, mit Blick aus dem Fenster. Daneben frisch gemachter Kaffee. Gratis. Schon etwas Besonderes. Los gehts!

Immer wieder ist es ein herrliches Gefühl, eine der empfindlichen Vinyl-Pressungen in den Händen zu halten. Man hat das Gefühl, man sehe die Musik, die Arbeit die hinter jedem einzelnen Tonträger steht. Musik in Schallplattenform ist ästhetisch, ein Album-Cover in Großformat entfaltet eine Wirkung, als würde man ein Gemälde betrachten. Musik ist Kunst.

Es wäre leicht, Vinyl jetzt in den Himmel zu loben und eine Hasstirade auf die ach so bösen, disruptiven Kräfte von Spotify und Co loszulassen. Doch das macht keinen Sinn, Streamingdienste sind meine ständigen Begleiter, ich überstehe meinen Tag nicht ohne die auf jede Stimmung perfekt angepassten Playlists. Ob von mir selbst erstellt, oder vom Algorithmus ausgewählt ist dabei egal. Die komplette Musikwelt liegt vor mir, unzählige Titel sind auf Knopfdruck verfügbar. Es gibt immer etwas zu entdecken. Manchmal überfordert das, aber das tut ein vollgestopfter Plattenladen auch.

„Aber die Künstler bekommen doch fast nichts, wenn man ihre Lieder streamt!“, höre ich irgendeinen Digitalisierungsgegner maulen. Genauso wenig sieht der Künstler etwas von deinem Geld, wenn du dir eine gebrauchte Schallplatte kaufst! Seit Napster (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/napster-kurze-wilde-geschichte-a-120469.html) bewegt sich die Musikindustrie langsam aber sicher davon weg, durch Tonträgereinnahmen – ob physisch oder digital, egal –  erfolgreich zu wirtschaften. CD-Verkäufe erreichen jedes Jahr neue Tiefpunkte, auch klassische Musikdownloads befinden sich im freien Fall. Konzerte sind nach wie vor der beste Weg für Künstler, Gewinne zu erzielen.

Der rasante Aufstieg des Streamingmarktes bietet einige Vorteile für Musiker. Es ist viel leichter, heutzutage Hörer zu gewinnen. Dementsprechend hat man größere Chancen, viele Anhänger auf Konzerte zu locken. Die Gefahr, in der Masse unterzugehen ist damit jedoch ebenfalls gewachsen. Einzelne Songs sind mittlerweile relevanter als Alben, ein Hit kann häufig schon Garant für eine ausverkaufte Tour sein. Der Streamingmarkt boomt und die Künstler müssen sich anpassen.

Das aber auch die Umsätze mit Vinyl jedes Jahr aufs Neue steigen ist dann doch etwas überraschend. Vor zehn Jahren galt die Schallplatte als so gut wie ausgestorben, im Jahr 2016 hielt sie immerhin wieder einen Anteil von 7,1 Prozent am physischen und 4,4 Prozent am gesamten deutschen Musikmarkt. (Quelle: Musikindustrie.de) Hinter CDs, Streaming und Downloads hat sie damit Platz 4 ergattert. Tendenz steigend.

Man sieht also, die Beiden bekämpfen sich nicht zwangsläufig, sondern ergänzen sich hervorragend. Während man durch Streaming die Musik als ständigen, leicht zugänglichen Begleiter immer bei sich trägt, eignen sich Schallplatten optimal zum bewussten Musik hören. In beiden Formen ist Musik genauso sehr Konsumgut wie Kunst, doch zwingen einen Platten dazu, selektiver vorzugehen. Es ist ähnlich wie bei Netflix und dem Kino: In beiden Fällen schaut man einen Film. Doch wirkt der Kinobesuch immer länger nach, denn man muss den Besuch zelebrieren. Kurze Vorbereitung, Anfahrtsweg, dann zahlt man auch noch ein wenig Eintritt. Das alles sorgt dafür, dass man viel gewillter ist, den Film auch tatsächlich konzentriert anzuschauen, anstatt sich berieseln zu lassen. Zeit und Geld.

Ich nehme mir die Zeit, suche und finde einige interessante Scheiben, setze mich hin und höre zu. Irgendwann begeistert mich etwas genug, um Geld dafür auszugeben. Und so setze ich die Kopfhörer ab, gebe die zum Test hören geliehenen Platten zurück, bezahle, bedanke mich für den Kaffee. „Bis zum nächsten Mal“ sage ich, gebe dem Besitzer die Hand und angle meine Jacke aus dem wohl sortierten Chaos. Grinsend und stolz verlasse ich den Laden, atme die frische Luft, die nicht mehr nach Second-Hand riecht, hole mein Handy heraus, die Platte unterm Arm, öffne Spotify und setze meine Kopfhörer auf.

 

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