Marriage Story: Vom Ende einer Ehe

 

Zwei Menschen verlieben sich, finden zusammen, heiraten. Viele Filme enden an diesem Punkt. Marriage Story hingegen beginnt in einer Phase, die nicht wenige Ehen irgendwann ereilt: Aus „In guten wie in schlechten Zeiten“ sind die Guten verschwunden, und aus „Für immer“ wird plötzlich ein „So kurz wie möglich“. Was nun?

Marriage Story ist der neue Film von Regisseur und Drehbuchautor Noah Baumbach (u.a. Regie bei Francis Ha und Drehbuch bei Fantastic Mr. Fox gemeinsam mit Wes Anderson), der seine Premiere bereits im August auf den Filmfestspielen in Venedig feierte. Dezember 2019 wurde die Tragikomödie schließlich auf Netflix verfügbar und damit über die Grenzen der Filmfestivals einem breiteren Publikum vor den heimischen Geräten bekannt. Gut so – denn Baumbachs Film wird so vor allem denen zugänglich, die Berührungsängste mit cineastischer Schwermütigkeit haben.

Erzählt wird die Trennung und Scheidung von Charlie (Adam Driver) und Nicole (Scarlett Johansson). Den Theaterregisseur und die Schauspielerin verbindet neben der Ehe und dem gemeinsamen Sohn auch das berufliche Umfeld miteinander. Zu Beginn des Films rekapitulieren beide die liebenswürdigen Eigenarten des jeweils Anderen, so dass Außenstehende den Eindruck bekommen, besser könne ein Paar gar nicht zusammenpassen. Bis zum Schluss lässt sich dieser Gedanken nur schwer ablegen. Zunächst sind Charlie und Nicole sich einig: Keine Anwälte, kein Rosenkrieg, so lautet die Devise angesichts der ohnehin schon äußerst angespannten Lage. Und doch sitzen sie sich schon bald in den Büros der Anwaltskanzleien gegenüber – eine pragmatische, wohlwollende Aussprache scheint gescheitert.

Genauso wie die beiden Hauptakteure des Films beherrscht Noah Baumbach es virtuos, dass die Handlung stets absolut echt und authentisch wirkt. Wer den Trailer gesehen und sich vor Kitsch und Pathos gefürchtet hat, kann entspannt aufatmen: Marriage Story zeichnet nicht die typischen Hollywood-Scheidungsklischees nach, sondern bleibt sensibel und (zumindest meistens) subtil. Obwohl die ganze Geschichte wie aus dem Leben gegriffen scheint, wirkt sie nie beliebig oder belanglos. Der Normalität der inhaltlichen Thematik steht die künstlerische Aufmachung des Films gegenüber, die stellenweise theatrale Elemente beinhaltet und somit eine fast szenische Optik kreiert. Nicht nur die Szenen in Theatern oder an Filmsets, sondern auch an den anderen wiederkehrenden Schauplätzen wirken so wie Teile einer großen Inszenierung, welche von der Kamera hautnah, aber unaufdringlich begleitet wird.

Insgesamt erschafft Baumbach mit Marriage Story weder ein passiv-aggressives Kammerspiel noch eine Schlammschlacht, noch drückt er auf die Tränendrüse. Er zeigt vor allem die Unbeholfenheit zweier Menschen, die jahrelang scheinbar alles richtig gemacht haben. Bis sie dann richtig viel falsch machen. Und so entwickelt sich die Trennung von einem seltsamen Zustand leiser Unzufriedenheit hin zu einem zermürbenden Störgeräusch, was schließlich so laut wird, dass es alles andere übertönt. Die Scheidung wird für Charlie und Nicole bald zu einer Zerreißprobe zwischen beruflichen Aufträgen, zwischen New York und L.A. und der Frage, wer wo wohnt – mit oder ohne Kind. Dass dessen Rolle im Film hinter dem Konflikt seiner Eltern überraschend kurz kommt, ist ein Wermutstropfen, wirkt aber umso symptomatischer angesichts des Sujets. Das Augenmerk liegt vielmehr darauf, wie zwischen zwei Menschen, die alles miteinander geteilt haben, nicht nur die Liebe, sondern auch jegliche Selbstverständlichkeit im Umgang miteinander verloren geht. Personen, die sich vermutlich immer gedankenlos am gemeinsamen Kühlschrank bedient haben, müssen sich die Getränke plötzlich wieder umständlich anbieten – genau so eine Situation zeigt Marriage Story an einer Stelle und fängt damit die ganze Ernüchterung, Hilflosigkeit und Unwirklichkeit der Chose ein. Aus verunsicherter Umständlichkeit entsteht schließlich ein weiterer Streit und die sicherlich beeindruckendste und am schwersten zu ertragende Szene im Film. Es fallen Beleidigungen und Vorwürfe in einem Schlagabtausch mit „du-bist-wie-deine-Mutter“-Anschuldigungen und Schlägen in die Wand. Was Charlie Nicole schließlich entkräftet, aber bei vollem Besitz seiner geistigen Kräfte jähzornig und verzweifelt entgegenbrüllt, ist so entsetzlich, dass es sie, aber vor allem ihn selbst und möglicherweise die ein oder anderen Rezipierenden völlig fertig macht. Man hätte nicht ahnen können, dass zwei zurechnungsfähige und zumindest größtenteils miteinander glücklich gewesene Ehepartner*innen sich so etwas sagen. Darin liegt die Aussage des Films: Dass man es vielleicht nicht ahnen, möglicherweise auch nicht verhindern kann.

Scarlett Johansson und Adam Driver stellen ihre herausragenden Qualitäten nicht nur in dieser Szene mehr als deutlich unter Beweis. Beide sind in den Kategorien der Besten Hauptdarstellenden für einen Oscar nominiert. Insgesamt wurde Marriage Story sechs Mal nominiert, darunter auch für Bester Film und Bestes Originaldrehbuch. Laura Dern, die für ihre großartige Schauspielleistung als Nicoles gnadenlose Scheidungsanwältin bereits den Golden Globe gewonnen hat, dürfte in der Kategorie Beste Nebendarstellerin eine vielversprechende Anwärterin auf den Academy Award sein. Sowohl der Film selbst als auch Driver und Johansson stehen im Rennen um die Preise dieses Jahr jedoch überaus starken Konkurrent*innen und Produktionen gegenüber. Das macht Marriage Story nicht weniger sehenswert: Der Film schafft den Spagat zwischen anspruchsvollem Festivalfilm und Netflix, zwischen dem Banalen einer Trennung und den darin verborgenden Details, zwischen Schwermut und feinfühliger Erzählung, die der Frage nach dem Was nun? kaum gelungener nachgehen könnte.

 

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