Der Vibe Shift in Amerika – oder warum wir alle Medienkulturwissenschaften studieren sollten

Die Demokratie steht unter Beschuss, das ist nicht nur so dahingesagt, sondern live und in Farbe beobachtbar. Dafür reicht es, die Tagesschau um 20:00 Uhr anzuschalten und zu erfahren, was Donald Trump heute wieder beschlossen hat. Ein Mann, über den wir uns in Deutschland zu größten Teilen lustig machen und uns über seine Art echauffieren, der aber zeitgleich eine echte Bedrohung für die amerikanische Demokratie und den Zusammenhalt innerhalb der westlichen Welt ist. Es wirkt so, als könne und wolle ihn niemand direkt stoppen und er scheint im Vergleich zu seiner ersten Amtszeit extremer eingestellt zu sein. Die amerikanische Gesellschaft ist tief gespalten. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen? 

Um das zu verstehen, reicht es nicht, nur die aktuelle politische und wirtschaftliche Lage zu beobachten. Vielmehr müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf die kulturellen und medialen Veränderungen der letzten zwei Jahrzehnte richten. Auf das, was oft unter der Oberfläche stattfindet: neue Plattformen, veränderte Kommunikationsstile, ästhetische Brüche und insbesondere Ideologien. Denn Trump ist nicht nur ein republikanischer Präsident, sondern er verkörpert eine neue Ideologie, die gegen Kompromisse und Wokeness arbeitet. Er ist das Produkt und gleichzeitig Produzent eines Vibe Shifts, der tief in die amerikanische Kultur vorgedrungen ist. Der Begriff „Vibe Shift stammt ursprünglich aus der Pop- und Internetkultur. Populär wurde er durch einen Artikel im New York Magazine im Jahr 2022, der ein „diffuses Gefühl der kulturellen Verschiebung“ beschrieb; ein Wandel, der sich nicht klar an politischen Entscheidungen oder wirtschaftlichen Kennzahlen festmacht, sondern an subtilen Veränderungen im gesellschaftlichen Klima: neue Sprachcodes, andere ästhetische Präferenzen, sich verschiebende Werte.

Nicht nur Donald Trump prägt diesen Vibe Shift. Ein gewichtiger Akteur, der oft im Hintergrund agiert, ist Peter Thiel, ein einflussreicher Tech-Milliardär und Mitbegründer von PayPal. Thiel ist einer der prägenden Köpfe des Silicon Valley, wenn nicht sogar der prägendste, und ist für seinen Hang zu provokanten, staatskritischen und zum Teil antidemokratischen Thesen bekannt. Thiel ist in Frankfurt am Main geboren, kurz nach seiner Geburt wanderten die Thiels in die USA aus. Für ihn ist die Demokratie kein grundlegender Wert, sondern ein Hindernis. Er träumt von einem Staat, der lediglich durch Monopole gelenkt wird. Mit seinen Aussagen ist er der Vordenker einer antidemokratischen Tech-Elite, der mit seinen Aussagen („I no longer believe that freedom and democracy are compatible“) und seiner Förderung autoritärer Figuren wie Trump gezielt den öffentlichen Diskurs beeinflusst. Während rund 145 führende Köpfe des Silicon Valley – darunter Steve Wozniak, Pierre Omidyar, Evan Williams und Jimmy Wales – in einem offenen Brief 2016 vor Trump warnten und ihn als ‚Katastrophe für Innovation‘ bezeichneten, stellte sich Peter Thiel demonstrativ an seine Seite. Dabei bleibt er nicht nur bei Rhetorik und Theorie, sondern nutzt sein Vermögen und Netzwerk gezielt, um politische und gesellschaftliche Entwicklungen zu beeinflussen. Er unterstützt Politiker wie Donald Trump oder JD Vance nicht nur durch öffentlichen Beistand, sondern auch finanziell. Für Vance Senatswahlkampf im Jahr 2022 spendete Thiel eine Rekordsumme von 15 Millionen Dollar: Ohne ihn wäre Vance wohl nie so erfolgreich auf der politischen Bühne geworden, wie er es heute ist. Und Thiel will mehr. Er selbst äußert sich immer wieder kritisch gegenüber demokratischen Institutionen, sieht den Staat als hinderlich für Innovation und Meinungsfreiheit. Besonders deutlich wird das in seiner scharfen Ablehnung von sogenannten „woken“ Diskursen, die er als ideologische Zensur empfindet, etwa Debatten um Diversity-Programme in Unternehmen oder den Kampf gegen systemischen Rassismus, die er als moralisch aufgeladene, quasi-religiöse Bewegungen kritisiert.

Was zunächst wie eine Übertreibung wirkt, wird durch sein Kapital und Netzwerk längst gesellschaftliche und politische Realität. Entwicklungshilfen werden gekürzt, Handelskriege mit anderen Ländern ausgetragen, Menschen unter unwürdigen Bedingungen abgeschoben und inhaftiert, in Schulen werden Bücher wie Das Tagebuch der Anne Frank verboten, Investitionen in den Klimaschutz eingestellt, Satiriker*innen, die Donald Trump öffentlich kritisieren, werden abgesetzt, Meta schafft Factchecking ab und Jeff Bezos formuliert klare Regeln für Inhalte der Washington Post. Trump macht deutlich, dass er wenig von Kooperation und Austausch auf Augenhöhe hält und jetzt andere Saiten aufgezogen werden. Also das, was er in seinem Wahlkampf versprochen hat. Es zeigt sich, was ein Vibe Shift wirklich bedeutet: ein Kulturwandel, der unsere Vorstellung von Öffentlichkeit, Wahrheit und Demokratie radikal verändert. Ohne seinen Verbündeten und Wegbegleiter Peter Thiel wäre das nicht möglich gewesen und es zeigt, wieviel politische Macht ein Einzelner auf unsere Wertevorstellung ausübt. 

Bis vor wenigen Wochen wusste ich nicht, dass Peter Thiel existiert. Ich saß in dem Seminar „Ideologien des Internets“ und hörte seinen Namen zum ersten Mal in einem Vortrag. Seitdem geht mir das Thema nicht mehr aus dem Kopf. Es war einer der vielen augenöffnenden Momente innerhalb meines Studiums. Gerade am Anfang wurde ich gefragt, ob ich nicht etwas Vernünftigeres studieren wollte. Denn oft werden kulturwissenschaftliche Fächer eher belächelt, denn was will man damit konkret machen? Leute im Taxi herumfahren? So oder so ähnlich lautet zumindest das Klischee über Medienwissenschaften und andere Fächer, die in eine kreativere Richtung gehen. Aber ich empfinde mein Studium als sehr sinnvoll. Denn es lehrt mich eine wichtige Fähigkeit: kritisch zu denken und hinter die Fassade von medialen Phänomenen zu blicken. Jetzt weiß ich, besser als vorher, dass kein Medium oder keine Nachricht der Welt neutral ist. Ich weiß, wie Nachrichten funktionieren und warum sie unsere Wahrnehmung beeinflussen. Ich kenne die wahre Geschichte hinter Kriegsfotografien, die in der öffentlichen Rezeption oft verklärt sind, ich kenne die Geschichten hinter Erfindungen und weiß, dass der Mythos des genialen Erfinders oft falsch ist, und ich kenne zahlreiche Geschichten des Theaters und des Films. Sicherlich fördert jedes Studium das kritische Denken, aber dieses hier ist essenziell für unsere Gesellschaft. Die Gefahr von Tech-Monopolen für unsere Demokratie und die allgemeinen Wirkungsmechanismen von Medien finden immer noch viel zu wenig Beachtung. Es ist wichtig, dass das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bestehen und unsere Medienlandschaft weiterhin divers und offen bleibt. Es ist wichtig, dass Medienkompetenz in der Schule gelehrt wird und die OHPs durch funktionierende Technik und Skills ersetzt werden. Es ist wichtig, dass wir als Gesellschaft einen Wandel mit den Medien durchmachen, der zwar neu und anstrengend sein kann, dem wir aber nicht mehr hinterherrennen. Kurz: Medienkulturwissenschaften ist kein akademischer Luxus, sondern wichtig, damit unsere Demokratie erhalten bleibt und Medien weiterhin als vierte Gewalt in unserem Staat funktionieren. Also falls ihr überlegt, Medienkulturwissenschaften zu studieren, macht es!


Falls ihr tiefer in die Person und Ideologie von Peter Thiel eintauchen wollt, lohnt sich der sechsteilige Podcast Die Peter Thiel Story (Deutschlandfunk) von Fritz Espenlaub. Besonders spannend ist Folge 5, in der es um Thiels Einfluss in Deutschland geht. Sein Sicherheitsunternehmen Palantir, benannt nach der allsehenden Kugel aus Herr der Ringe, wird nicht nur von US-Behörden, sondern inzwischen auch von deutschen Sicherheitsbehörden genutzt. Ein weiteres Beispiel dafür, wie weitreichend das Netzwerk des Tech-Milliardärs bereits in unsere demokratischen Strukturen hineinwirkt.