Filmklassiker – Unsere liebsten Musicalfilme

Eingängige Songs und mitreißende Tanzeinlagen gehören natürlich in jeden Musicalfilm. Aber was die wahren Klassiker des Genres ausmacht, erfahrt ihr hier! In dieser Ausgabe unserer Filmklassiker-Reihe stellen euch die Autor*innen der Medienredaktion nämlich mit Singin‘ in the Rain (1952), Cabaret (1972), Grease (1978) und Tick, Tick… Boom! (2021) ihre absoluten Musicalfilm-Favoriten vor. Also: Lieblings-Musicalsongs auf die Ohren und viel Spaß beim Lesen!

Singin‘ in the Rain

Singin‘ in the Rain? Das ist doch dieser uralte Film, wo ein junger Mann mit strahlend-weißem Lächeln in strömendem Regen tanzt und darüber singt, wie toll alles ist? Korrekt. Und ja, Singin‘ in the Rain ist insgesamt kitschig, die Handlung ist in Teilen langsam erzählt und weitestgehend vorhersehbar. Es folgt: eine Rechtfertigung, warum dieser US-amerikanische Film aus dem Jahr 1952 dennoch einen Platz auf dieser Liste der besten Musicalfilme verdient hat:

Wir schreiben das Jahr 1927 in Hollywood. Don Lockwood, der bereits erwähnte junge Mann mit strahlend-weißem Lächeln, gespielt von Gene Kelly, ist gefeierter Stummfilmstar beim Studio Monumental Pictures. Doch als mit The Jazz Singer ein verfeindetes Filmstudio mit einem Tonfilm Erfolg hat, müssen sich alle Studios abrupt umstellen: Es gibt kein Zurück zum Stummfilm mehr. Studioboss R. F. Simpson von Monumental Pictures entscheidet kurzerhand: Der nächste Film von Don Lockwood mit seiner arroganten Filmpartnerin Lina Lamont, gespielt von Jean Hagen, muss ein Tonfilm sein. Das bereitet vor allem technische Probleme. Als klar wird, dass die schöne Lina Lamont sich nicht nur ihren Text merken kann, sondern auch eine quiekende Stimme und ein dicker Akzent nicht zu ihrem makellosen Aussehen passen, scheint das Projekt zu scheitern.

Singin‘ in the Rain nimmt uns bei jedem Schritt des Drehs mit und beweist bei jeder neuen Hürde, die aufkommt, wie zeitlos Humor sein kann. Spätestens, wenn dieser Humor auf die knallbunten und künstlichen Filmbilder des Technicolor-Filmverfahrens und auf viele unterhaltsame und fröhliche Musicalsequenzen trifft, in denen Gene Kelly wahrhaftig über das Parkett schwebt, ist das Paket komplett. Und mit der Rolle der von Debbie Reynolds gespielten Tänzerin Kathy können wir hinter einer romantischen Beziehung im Film und gleichzeitig einer Rivalin für Schauspielerin Lina, die ihren Don gerne für sich hätte, auch ein Häkchen setzen. Und ja, auch vom Musical-Handwerk versteht der Film etwas: Solos, Duette, Stepp-Choreografien und Traumsequenzen – alles drin.

Um auf den Anfang dieser Empfehlung zurückzukommen: Ja, Singin‘ in the Rain ist insgesamt kitschig, die Handlung ist in Teilen langsam erzählt und weitestgehend vorhersehbar. Aber jede Sekunde der mehr als 90 Minuten wird mit einer Leichtigkeit und Fröhlichkeit überdeckt, die in Teilen überzogen sein mag, aber in jedem Fall ansteckend ist. Singin‘ in the Rain schafft es, zu unterhalten. Und dass das Thema der Anfänge des Tonfilms auch studienrelevant für uns ist, das kommt als Bonus obendrauf. Und? Rechtfertigung genug für einen Filmklassiker? – Sara

Cabaret

Bob Fosses Adaption von Cabaret aus dem Jahre 1972 modernisierte das Filmmusical, wie es kein anderer Film je tun sollte. Nach den märchenhaften Musicals aus der klassischen Epoche Hollywoods, in denen die Figuren jederzeit in Gesang ausbrechen konnten, war Fosses Herangehensweise von Realismus und erwachsenen Themen geprägt. Sein Cabaret erweckt das Berlin Anfang der 30er-Jahre zum Leben, mitsamt Sex, Sünde und Katastrophen. Diese Stadt vertreibt sich ziellos die Zeit in den anzüglichen Klubs, während zugleich der Nationalsozialismus emporsteigt und die Weimarer Republik ihrem Ende zusteuert. Bob Fosse konzipierte daher den Film als ein Backstagemusical, in dem, wenn gesungen wird, die Musik diegetisch gespielt wird. Fast alle Musical-Sequenzen finden auf der Bühne des Klubs statt, während Fosse mit seiner Schnitttechnik und einer chaotisch anmutenden, aber hochpräzisen Kameraführung die stilistischen Mittel des klassischen Filmmusicals aufbricht und neu erfindet. Die Ausstattung ist dabei schmutzig und etwas heruntergekommen und die Tänzerinnen mit groteskem, verwischtem Make-up haben nichts Romantisches an sich. Der Tanz ist brillant choreografiert und die Lieder haben stets einen thematischen Zweck, ob es um Reichtum geht oder um die erschreckende Erkenntnis, wie sich auch der Klub politisch wandelt, um sich den Nationalsozialisten anzupassen.

Somit ist der Film ein exzellentes Musical und auch ein tiefer Blick in den leisen und für den normalen Menschen nur am Rande merkbaren Aufstieg des Faschismus. Die Nationalsozialisten schleichen sich in den Film, am Anfang sieht man nur vereinzelt jemanden in einer braunen Uniform, doch im zweiten Teil des Films verteilen sie Flyer auf der Straße und schüchtern Menschen mit Gewalt ein. Die Hauptfiguren des Films wollen sich dieser Realität entziehen, bis es nicht mehr möglich ist, und können am Ende nur noch damit leben oder Deutschland verlassen. Dies wird am Ende mit einer erschreckenden finalen Einstellung suggeriert, durch die der Film den Wandel Berlins und seiner Nachtklubszene und die bald kommende Diktatur deutlich werden lässt. Die Unterhaltungsszene ist dabei ein gleichgültiger Akteur, der sich dem Wandel nicht widersetzt, sondern anpasst. Die Hauptfiguren des Films verlieren dabei die Kontrolle über die eigene Welt. Fosse macht Cabaret zu einem Film, der mit seiner Ambition von realistischen Darstellungen der Kulturszene nach den Gründen sucht, wie sich ein Land dem Faschismus zuwenden konnte. Die märchenhafte Welt der klassischen Musicals wird abgelehnt und weicht einer brutaleren und nihilistischeren Weltansicht, die gut in das Zeitalter von New Hollywood der 70er-Jahre passt. Es ist ein großartiger Film in allen Belangen. – Marius

Grease

Grease (1978) gehört zu den Klassikern unter den Musicalfilmen. Der Film hat dabei wohl alles, was man dafür braucht: Ohrwürmer, Stars, Liebesdrama, Comedy, tolle Kostüme und vieles mehr. Es macht einfach Spaß, ihn zu schauen. Doch scheint es aus heutiger Sicht nicht ganz unproblematisch, den Film zu genießen. Die Geschlechterrollen sowie die dargestellte Heteronormativität sind überholt. Sonderlich divers ist der Film auch nicht. Und ist es wirklich die richtige Schlussfolgerung, sich für seine*n Partner*in zu ändern? Lohnt es sich also überhaupt noch, Grease zu sehen? 

Wer Spaß an Musicals hat, der wird auch Spaß an diesem Werk haben. Die Lieder aus Grease sind lustig, unterhaltend und gefühlvoll. Die Choreografien sind sympathisch inszeniert und könnten sowohl auf Theaterbühnen wie auch in Wohnzimmern nach einem Filmabend stattfinden. Auch wer Rom-Coms mag, wird bei Grease nicht zu kurz kommen. Drama, Kommunikationsprobleme, Versöhnungen – es ist alles mit dabei. 

Aber macht das wett, dass der Film aus seiner Zeit gefallen wirkt? Ich würde sagen, dass Grease nie authentisch und realistisch sein wollte (das wird wohl allerspätestens beim fliegenden Auto deutlich…). Im Gegenteil, der Film spielt mit Klischees über harte Kerle und pink-liebende Gossip Girls. Filmtropen wie das Good Girl, das sich in den Bad Boy verliebt, werden gänzlich überzogen dargestellt. Auch, dass die Schauspielenden teilweise in ihren 30ern Schüler*innen verkörpern, hilft nicht gerade dabei, die Geschichte ernst nehmen zu können. Die Erzählung als Musical zu inszenieren bietet die nötige Freiheit, mit Übertreibungen zu spielen. Das Publikum muss die Inszenierung nicht als wahrheitsgemäß betrachten, sondern kann vielmehr die bestehenden Klischees durch die humoristische Darstellung hinterfragen. Grease kann also auch aus heutiger Sicht noch sehr interessant sein und nicht nur als Artefakt, sondern sogar als Kommentar über die damalige Zeit verstanden werden. Und wenn man sich darauf einlässt, hat man auf jeden Fall unterhaltsame 110 Minuten vor sich! – Anastasia

Tick, Tick… Boom! – Über die Kunst und das Scheitern

Tick, Tick… Boom! erzählt die Lebensgeschichte des jungen Komponisten Jonathan Larson, der kurz vor seinem 30. Geburtstag steht und sich mit der quälenden Frage konfrontiert sieht: Was habe ich bisher erreicht?

Während Larsons bester Freund Karriere macht und sich anstatt für Freiheit und Kunst für ein geregeltes und sicheres Leben entscheidet, kämpft Larson mit aller Kraft dagegen an. Er liebt es, Songs zu schreiben und Geschichten zu erzählen, doch der große Durchbruch bleibt aus. Die Kritik und der ausbleibende Erfolg seines Musicals nagen so sehr an ihm, dass er seine Arbeit und seinen Erfolg immer mehr priorisiert – und den Blick für das Wesentliche verliert. Währenddessen tickt die Zeitbombe seines Lebens.

Tick, Tick… Boom! basiert auf dem gleichnamigen Bühnenstück von 1989, das Larson größtenteils selbst geschrieben und performt hat – ursprünglich als Solo-Rock-Monolog. Es ist ein musikalisches Selbstporträt, das nicht nur von Erfolg, sondern auch vom Scheitern, von Selbstzweifeln und von Fehlern erzählt. Es ist ein ehrliches, rohes und berührendes Werk. Tragischerweise starb Jonathan Larson Anfang 1996 im Alter von nur 35 Jahren – am Vorabend der Premiere seines späteren Welterfolgs Rent. Den Pulitzer-Preis und die Tony Awards, die ihm 1996 verliehen wurden, konnte er nicht mehr persönlich entgegennehmen.

Unter der Regie von Lin-Manuel Miranda (Hamilton) entfaltet sich Tick, Tick… Boom! als einen Liebensbrief an alle Kunstschaffenden: Die Angst, nicht gut genug zu sein, kennen die meisten, besonders diejenigen im künstlerischen Bereich. Doch Tick, Tick… Boom! zeigt, dass Aufgeben keine Option ist. Denn wer mit Leidenschaft und Freude bei der Sache bleibt, der wird sein Publikum mitreißen.

Andrew Garfield spielt Larson mit einer Hingabe, die unter die Haut geht, die Songs gehen sofort ins Ohr und bleiben im Gedächtnis. Tick, Tick… Boom! ist nicht nur für Musical-Fans. Es ist ein Film über das Leben selbst – über Ambitionen, Opfer, den Wert von Kunst und dem, was uns im Innersten antreibt. – Ivana