Literaturkonzert zum 80. Gedenkjahr des Kriegsendes

In der Herbstnacht des zwölften Novembers öffnete sich im Ventana in Köln Sülz ein Fenster in die Vergangenheit. Zum 80. Gedenkjahr des Endes des Zweiten Weltkriegs hatte die Stadt ein leidenschaftliches, komplementäres Trio engagiert, das Historie mit musikalischer Kraft wieder zum Leben erweckte. Unter dem Titel „Der Wendepunkt: Die Welt zwischen Krieg und Frieden“ rückten Leben und Leiden zweier Schriftsteller und Musikliebhaber in den Mittelpunkt: Stefan Zweig und Klaus Mann.

Erzähler Andreas Durban führte das Narrativ mit Feingefühl. Besonders fesselnd waren die Momente, in denen er in Briefe eintauchte, und dabei nahezu die Autoren selbst durch ihn sprechen ließ. Doch es ging nicht allein um den Inhalt der Erzählung. Der Abend verstand sich weniger als Geschichtsstunde, sondern vielmehr als Einladung, sich emotional auf eine Reise in die Zeit politischer Unterdrückung, Verfolgung, Exil und innerer Zerrissenheit einzulassen. Die Spannung entfaltete sich durch die kräftige Stimme der Sopranistin Judith Hoffmann und den überwältigenden Klang, den Pianistin Nare Karoyan aus dem Konzertflügel beschwor. Gemeinsam interpretierten sie Werke von Brahms, Berg und Strauss; so ließen sie die literarischen Episoden akustisch weiterströmen.

Die Musik war abwechslungsreich und auf den Ton der Erzählung abgestimmt: dramatisch, dann leichtfüßig; melancholisch, dann hoffnungsvoll. Auch die Gestik des Trios trug zum Erlebnis bei, da sie unmittelbar in körperlicher Form sehr überzeugend Emotionen vermitteln. Mit der Sopranistin und dem geöffneten Flügel direkt hinter ihr füllte der Klang mühelos den weiten Raum. Der Saal selbst war großzügig, die hohe Decke wirkte beinahe kathedralisch. Der Bühnenbereich vor einem einfachen weißen Vorhang und die sichelförmig angeordneten Sitzreihen schufen eine intime Atmosphäre.

Nach dieser Zeitreise kehrte das Publikum sichtlich bewegt in die Gegenwart zurück und spendete langanhaltenden Applaus. Die Besucher*innen hatten anschließend die Gelegenheit mit dem Performen zu sprechen und viele von ihnen blieben noch eine Weile, um persönliche Gratulation zu geben oder Fragen zu stellen. An diesem Abend waren überwiegend Besucher*innen mittleren Alters präsent, was vermutlich am Umfang des Eventmarketing lag. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Stadt Köln, unterstützt vom IFM e. V. (Initiative Freie Musik Köln).

Es war nicht das erste Literaturkonzert von Karoyan, Hoffmann und Durban in Köln, und es wird gewiss nicht das letzte sein. Ich kann den Konzertbesuch auf jeden Fall weiterempfehlen. Ein nächstes Programm dürfte rechtzeitig auf klassik-koeln.de angekündigt werden.

Von links nach rechts: Nare Karoyan, Judith Hoffmann und Andreas Durban
Foto: Vanessa Wojcik