Kritik zu „LA LA LAND“ (USA 2016)

Katharina Görgen und Peter Scheinpflug teilten sich für geraume Zeit ein gemeinsames Büro und lieben Filme über alles – nur nicht dieselben Filme. Dafür streiten sie sehr gerne. Und daher schreiben sie Kritiken zu denselben Filmen. Viel Spaß beim Lesen!

Katherina Görgen 

Große Filmmusicals haben etwas Magisches:

Man verlässt sie beschwingten Schritts, ein Lied auf den Lippen und mit der festen Gewissheit, dass das Leben noch schöner wäre, würden wir ab und zu einfach mal singen. Nur zu gerne lassen wir uns bezaubern von einem romantischen Abend, ein paar gekonnten Tanzschritten und der Aufforderung mit zu träumen. Wenn die schönen Frauen in wehenden Röcken an uns vorbei schweben, den Blick fest auf ihren sie eng umschlungen haltenden Partner gerichtet, dann ist das Romantik pur, dann ist das der Moment verschämt aufzuseufzen und sich ein ganz kleines bisschen in die Arme dieses Mannes mit den albernen Lackschuhen zu wünschen.

Auch La La Land, der hoch gelobte und bereits Filmgeschichte gemacht habende mehrfache Golden-Globe-Gewinner knüpft zu Beginn an diese große Musicaltradition an, eine verbesserte Form des Lebens zu zelebrieren. Denn wäre es nicht wundervoll, stünde im Stau neben uns ein Transporter, der statt gefrorenen Schweinehälften eine Band geladen hat, die den Soundtrack zum Stau-Tanz einspielt? In dieser Alltagssituation begegnen sich die beiden Hauptfiguren des Films, der Jazz begeisterte Musiker Sebastian (Ryan Gosling) und Mia (Emma Stone), die noch immer mehr Barista als Schauspielerin ist, uns aber schon in ihrem ersten Casting zu Tränen rührt. Wie es sich für eine gute Liebesgeschichte gehört, startet sie mit kleinen Komplikationen vor großen Farben; Musical eben. Wenn die beiden sich nach widerholten missglückten Begegnungen versichern, die schöne Nacht sei mit und an den anderen verschwendet, dann hofft man auf Wortgefechte, wie sie das große Hollywoodkino geschrieben hat, oder doch zumindest Tanzszenen, die den Strudel der brodelnden Gefühle und das noch geheime Sehnen nacheinander umsetzen. Doch in einer Welt, die voll von spektakulären Sonnenuntergängen zu sein scheint, entfaltet sich trotz schwebenden Hauptpaares kaum Magie, was auch an den seltsam unverbindlichen Liedern liegen kann, die sich absichtlich einem profanen Mitsingen oder auch Mitsummen zu verweigern scheinen und dem Zuschauer dadurch verwehren, Teil des bunten Romantikkosmos zu werden. Seltsam unentschlossen bewegt sich der Film zwar in einer Märchenwelt, in der alle Menschen schön und jung sind und kreative Träume haben, entscheidet sich aber dann trotz wehender Röcke und großer Liebe für eine Form von „Realismus“, wie sie das Musical traditionell mit Leichtigkeit überkommt: Geldsorgen, der Wunsch sich zu beweisen, das Koordinieren einer Beziehung mit zwei starken Persönlichkeiten im 21. Jahrhundert. Mit Charme und Leidenschaft, zwei großen Zutaten des Musicals, konnte Sebastian seine Mia in der ersten Hälfte zum Jazz bekehren; warum ihm dies in der zweiten Hälfte bei weit praktischeren Dingen nicht gelingt, entzieht sich der Musicallogik, ebenso wie die „Was wäre gewesen, wenn….“-Sequenz. Seit wann wird dem Zuschauer nicht mehr zugetraut die Wendepunkt einer Beziehung selbst zu identifizieren? Und vor allem: Seit wann ist das Musical nicht mehr das Genre, das als solches eine „Was wäre gewesen wenn…“-, musik- und tanzaffine Alternativversion zu unserem Leben schafft? Was passiert, wenn Horst Maier im Stau neben mir sitzt (gar nichts), weiß ich bereits, doch dass auch nichts Lebensbedeutendes mehr passiert, wenn Ryan Gosling neben Emma Stone im Stau sitzt, das ist vor allem getanzt eine vernichtende Botschaft.

Katharina Görgen

Peter Scheinpflug

42nd STREET Redux

Wie Katharina Görgen bin auch ich fest davon überzeugt, dass es in vielen Alltagssituationen ungemein helfen würde, wenn es gesellschaftlich akzeptiert wäre, seinen Gefühlen und Stimmungen in Gesang und Tanz einen starken Ausdruck zu verleihen. Entsprechend begeistert war ich auch vom Auftakt von LA LA LAND, den bereits Katharina Görgen in schillernden Farben beschrieben hat: Wenn während der Kakophonie verschiedener Radiosender eine Frau aus ihrem Auto steigt, um sich mit den Mitteln des Musicals im alltäglichen Stau Luft zu machen, und eine atemberaubende Plansequenz ohne Schnitte eine fantastische Choreographie wider den Alltagstrott präsentiert, dann, ja, dann… hat der Film seinen Höhepunkt leider auch schon hinter sich. Denn die Story um zwei Menschen, die ihre Träume verfolgen und mit der Realität konfrontiert werden, ist leider ebenso banal erzählt wie klischeehaft inszeniert. Wie Katharina Görgen treffend beschreibt, ist die Verabschiedung des Ideals des happy endings, in dem Liebe und Karriere glücklich vereint werden, einfach zu schwach und zugleich zu forciert inszeniert als vorgeblicher Clou. Denn dass das bereits originell sei, davon kann mich keine Kritik der Welt überzeugen – in Zeiten, in denen selbst Disney bereits in Familienfilmen wie FROZEN (US 2013) mit dieser Konvention nicht nur radikaler, sondern vor allem auch intelligenter, spielerischer bricht. Wenn dann in der zweiten Hälfte von LA LA LAND, die einer Ernüchterung auf Seiten der Figuren wie auch des Publikums gleicht, alles verebbt, was zuvor noch irgendwie zu faszinieren vermochte, scheint dies leider weniger ein kunstvoller Ausdruck des Scheiterns der Ideale und Träume denn das Armutszeugnis der ungeheuren ästhetischen und dramaturgischen Schwächen eines insgesamt mehr als enttäuschenden Films zu sein.

In LA LA LAND wirkt einfach alles furchtbar klischeehaft. Dies zeigt sich bereits früh in einer Gesangsnummer von Emma Stone und den Mitbewohnerinnen ihrer WG, in der vermeintlich Genderideale verballhornt werden. Nicht nur ist diese Gender-Subversions-Nummer selbst schon ein Allgemeinplatz des Genres Musical, der Film hat dem auch nichts hinzuzusetzen. Ähnlich verhält es sich mit Blick auf Politik in einem Film, der vermeintlich vieles anders machen will: Dass alle Möchtegern-Stars einen Prius fahren, scheint das Maximum an Gesellschaftskritik zu sein. Von echten Alltagssorgen, von authentischen Existenzängsten, von glaubhaftem Ruin ist weit und breit keine Spur – denn auch erfolglose Künstler scheint es im LA LA LAND finanziell und psychisch recht gut zu gehen. Wer jetzt glaubt, dass das Musical ein eskapistisches und unrealistisches Genre sei und sich auch nicht für Gesellschaftskritik eigne, schaue erneut HAIR (US 1979) oder RENT (US 2005) oder auch ACROSS THE UNIVERSE (US/UK 2007), die zudem auch die Ästhetisierung des Alltags zum Musical-Highlight wie auch den Wechsel zwischen fantastischem Exzess und realweltlicher Erdung viel besser meistern – ohne dabei jemals so nervig offensiv prätentiös wie LA LA LAND auszufallen. Dieser wirkt hingegen ätzend ’self-absorbed‘. Er schwelgt im Kosmos Hollywood, als gäbe es gar keine Realität jenseits der Traumfabrik. Allein, dies scheint nicht als Kritik, sondern eher als Huldigung an die Stadt der Träume angelegt zu sein, die am Ende zumindest einen Traum auch immer noch erfüllt.

Mit Blick auf die Protagonisten und ihre Probleme scheint der Film wohl am ehesten für ein Publikum gemacht worden zu sein, das mit GLEE (2009-2015) und den HIGH-SCHOOL-MUSICAL-Filmen (2006-2008) aufgewachsen ist und nun gereift ist, um in LA LA LAND dem Ernst des Lebens tief in die Augen zu schauen. Der Film wird aber wahrscheinlich eher denjenigen gefallen, die sonst keine großen Fans des Musicals sind. Denn als Musical fällt der Film einfach ärgerlich enttäuschend aus. Weder die Choreographien noch die Lieder können begeistern oder auch nur überzeugen. Zur immensen Enttäuschung trägt auch bei, dass weder Ryan Gosling noch Emma Stone herausragende Sänger/innen sind. Von der Kritik wurde dies als Faktor des Realismus gewertet. Wie dies allerdings mit dem überbordend klischeehaften Rest des Films zusammenpasst, der oft nicht sonderlich authentisch, sondern eher schlecht gemacht wirkt, erschließt sich mir dabei nicht ganz. Zudem fehlt es vielen Gesangsnummern dadurch einfach an der stimmlichen Macht, um das Publikum zu überwältigen, ganz für sich zu vereinnahmen und mitzureißen. Musical-Fans seien zudem vorgewarnt: Das Musical tritt in der zweiten Hälfte deutlich zugunsten des Dramas in den Hintergrund. Es wirkt dann retrospektiv eher wie ein Gimmick, da seine Potenziale als Kunstform nicht fruchtbar gemacht werden.

Selten war leider ein Filmtitel so treffend, denn LA LA LAND ist eben bestenfalls so lala.

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