Netflix fasten oder das dekadente Nichtstun

Von Simone Oger

Ich sitze auf dem Boden. Auf einem Dielenboden um genau zu sein. Schöne braune Dielen mit Rillen und Furchen und staubigen Zwischenräumen. Ich liebe diesen Boden. Es ist mein neuer Boden, denn ich bin umgezogen. Auf jeden Fall sitze ich hier, auf dem Boden vor meinem Bett. Links von mir steht ein Glas Rotwein. Daneben die Flasche, zum Auffüllen, versteht sich.

 Es ist ein günstiger Wein von Edeka um die Ecke, aber er schmeckt köstlich. Ich war schon immer der Meinung, dass ein Wein nicht teuer sein muss, um gut zu sein. Vielleicht denke ich das aber auch nur, weil ich kein Geld habe. Wenn ich Geld hätte, würde ich bestimmt mehr Geld für Wein ausgeben und ich würde denken, dass dies auch nötig sei.

Nun bin ich aber nicht reich, sondern eine Studentin. Und der Wein schmeckt und ich schenke mir ein Glas nach. Ich habe mir verboten Netflix zu schauen. Ja, richtig. Heute wird keine Serie geschaut, auch keine Doku und erst recht kein Spielfilm. Und ich bin noch nicht einmal selbst darauf gekommen. Eine Freundin erzählte mir vor zwei Wochen, sie faste in der Fastenzeit Netflix. „Wieso das denn?“, frage ich sie an dem besagten Abend entsetzt. „Andere fasten Schokolade, wieder andere Alkohol, aber mein Problem ist Netflix!“ Ich hebe die Brauen und denke nach. „Serien sind zu einer sozialen Komponente geworden. Man unterhält sich nicht nur mehr über Politik, Sport oder das Wetter. Nein, Serien sind das Small-Talk-Thema, bei dem jeder mitreden kann. Und ich finde das ätzend! Das ist doch so was von nichtig und irrelevant!“ Ich bin erst verwundert aber dann überlege ich. Hat sie vielleicht recht? Sollte ich auch fasten? Und wieso trinke ich überhaupt Wein in der Fastenzeit? Tatsächlich hatte ich im selben Moment auch ein Weinglas in der Hand, weil wir auf dem Geburtstag eines Freundes waren. Doch die Musik lief weiter und ich unterhielt mich mit Freunden. Wir tranken weiter und irgendwie geriet die Fasten-Idee meiner Freundin in Vergessenheit.

Am nächsten Morgen holte sie mich wieder ein. Ich lag in meinem Bett und wollte gerade zu meiner Fernbedienung greifen, die auf der anderen Seite des Bettes ihren festen Platz hat, als mir die Worte wieder ins Gedächtnis gerufen wurden. „Du musst überlegen wie viel Lebenszeit wir dadurch verschwenden. Du könntest so viel Besseres mit dieser Zeit anfangen!“ Okay, sage ich mir. Recht hat sie! Ich lege die Fernbedienung auf meinen Nachttisch. Ich gehe in die Küche mache mir einen Kaffee. Normalerweise würde ich den Prolog einer Folge House of Cards schauen, während ich auf das Pfeifen meines Mokkakännchens warte. Aber gut, ich setze mich an den Küchentisch und schaue nach draußen in den Hinterhof. Ein älterer Herr fegt die losen Blätter auf dem Boden. Tatsächlich scheint die Sonne. Es ist immerhin nach zwölf. Durch die hageren Äste fallen die Sonnenstrahlen. Die Schatten der Baumkronen tanzen auf dem Rücken des Mannes. Meine Mitbewohnerin kommt in die Küche. Sie macht sich einen Tee. „Was machst du da?“, fragt sie mich und schaut mich an. „Ich tue nichts.“, sage ich. „Ich warte auf den Kaffee.“ Als sie mich anschaut nicke ich kurz zu dem Mokkakännchen. „Aber das pfeift doch wenn es fertig ist, oder?“ „Ja das stimmt.“ Ich lächle und bleibe sitzen. Mein Blick wandert wieder aus dem Fenster. Ich möchte in diesem Moment noch nicht zugeben, dass ich seit 10 Minuten Netflix faste. Ich möchte mir erst selbst beweisen, dass ich es länger aushalten kann. „Und was machst du?“, frage ich um vom Thema abzulenken. „Och nichts, ich schau ein bisschen fern.“, sagt meine Mitbewohnerin und schmiert sich zufrieden ein Nutellabrot. „Die neuen Better Call Saul-Folgen sind doch online.“ Ich erinnere mich. Gestern hatte ich über meine App eine Erinnerung bekommen. Ein Pfeifen reißt mich aus den Gedanken. Mein Kaffee ist fertig. Ich denke, ich gehe mit ihm spazieren. Draußen ist die Sonne nun vollständig hinter den Wolken hervor gekommen. Es ist eisig aber die Sonne lächelt mir entgegen und ich merke, wie sie meine eingefrorene Nasenspitze kitzelt. Mein Kaffee und ich setzen uns auf eine Parkbank und kuscheln uns eng aneinander um die Winterkälte von uns fernzuhalten.

Ein altes Ehepaar läuft an uns vorbei. Die Frau plaudert vergnügt über eine Bekannte, die ein neues Café in der Südstadt ausprobiert hat. Der Mann nickt beschwingt und lacht einige Male leise. Als sie an uns vorüber gehen, sehe ich, dass sie Händchen halten. Wie schön, denke ich still und heimlich. Solange ich so werde, wie diese Beiden ist alles gut, denke ich mir. Wer braucht schon Netflix, jetzt mal ehrlich? Ich bin mir in diesem Augenblick sicher, die Abstinenz durchzuhalten.

Eine Woche später ziehe ich nach Hamburg. Ich denke, ich werde es auch dort aushalten. Denn ich bin schließlich umgezogen. Eine völlig neue Stadt, neue Leute, eine neue WG. Mein erster Tag auf der Arbeit ist entspannt und freundlich. Auch die Kollegen sind auf meiner Wellenlänge. Bis zu dem einen Gespräch in der Mittagspause: „Sagt mal, habt ihr auch schon diese neue Serie auf Netflix gesehen? Love heißt die glaube ich, die müsst ihr euch anschauen!“ Schweigend habe ich in diesem Moment einen großen Schluck meiner Cola light getrunken um nicht antworten zu müssen.

So sitze ich hier nun auf dem wunderschönen Dielenboden vor meinem Bett. Der Regen prasselt leise gegen mein Fenster und ich lausche der Musik meiner Zimmernachbarn. Ich denke an all die Dinge, die ich tun könnte. Sinnvolle Dinge, die die Welt verändern. Doch manchmal – besonders an verregneten Montagabenden – will ich ganz einfach keine großen Dinge tun. Ich möchte meine Gedanken wandern lassen und zwar durch den Raum. Sie wandern über das Bett und über das Regal. Immer und immer weiter bis hin zu der Fernbedienung auf meinem Nachttisch.

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