Wir sind alle Flüchtlingskinder

DER MEDIENHYPE IM AUGUST

Von Simone OgerDer Medienhype in diesem Monat ist wieder ein bisschen persönlicher und trotzdem nicht weniger politisch. Facebook hat mich auf das Thema gebracht –  und zwar weil ich kurz davor war, meinen Facebook Account zu löschen, weil ich so viele schlimme, dumme Kommentare lesen musste. Es geht mir um das vermehrte Aufkommen fremdenfeindlicher Äußerungen von Deutschen – vor allem über Facebook. Im Netz scheint sich jeder sicher und anonym zu fühlen, sodass es den meisten Menschen nicht schwer fällt, ihre Meinung kund zu tun. Allerdings frage ich mich manchmal, ob die Menschen überhaupt nachdenken bevor sie etwas ins Internet stellen.

Das aktuelle Flüchtlingsproblem trägt natürlich seinen Teil zu der Entstehung vermehrter fremdenfeindlicher Kommentare bei. Schätzungen der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge waren im Jahr 2013 weltweit 51,2 Millionen Menschen auf der Flucht. Mitte des Jahres 2014 waren es bereits 46,3 Millionen Menschen und es werden immer mehr. Diese Menschen kommen aus Syrien, Afghanistan, Somalia, aus dem Sudan, dem Iraq und dem Kongo. Sie flüchten vor Bürgerkriegen, Verfolgungen und Menschenrechtsverletzungen. Die meisten flüchten in die Nachbarländer doch natürlich kommen einige von ihnen auch zu uns nach Europa.

Ich frage nun die Menschen die gegen Flüchtlinge in Deutschland sind: Meint ihr ernsthaft, ihr seid keine Flüchtlingskinder?

Meine Großmutter war ein Flüchtling. Sie war damals 17 Jahre alt, als sie 1945 aus dem Sudetenland vertrieben wurde. Als eine von über 3 Millionen Deutschen wurde sie mit ihrer Familie nach dem Krieg aus der Tschechoslowakei abgeschoben und deportiert. Sie musste ihren Besitz vollständig abtreten und hatte nichts außer sich selbst und der Hoffnung auf Schutz, die sie am Leben hielt. 250.000 Deutsche starben während dieser Flucht. Meine Großmutter hatte Glück und überlebte. Trotzdem sind die Erinnerungen an diese Zeit so zermürbend und prägend, dass sie bis zu ihrem Tod kaum ein Wort darüber verloren hat. Als ein verwöhntes Kind meiner Generation (Jahrgang 1988) kann ich mir nur schwer vorstellen, welche Qualen ein Mensch auf der Flucht erleiden muss und trotzdem kann ich versuchen zu helfen. Ich kann zuhören. Fragt eure Eltern oder Großeltern, wie es war, als sie selbst auf der Flucht waren. Wie sehr sie sich damals ein reiches Land gewünscht haben, dass sie aufnimmt und wo sie sich sicher fühlen können. Denn jede Familie ist Teil einer Flucht und hat Mitglieder die einmal fliehen mussten. Deshalb sollten wir alle von unserem hohen Ross herunter steigen und ein wenig Empathie zeigen.

Empathie für Familien die alles verloren haben, sich voneinander trennen mussten und Angehörige auf der Flucht zurück lassen mussten. Ist es wirklich zu viel verlangt, ihnen einen Platz in unserer Mitte anzubieten? Mir geht es hier nicht um Geld! Natürlich brauchen wir die finanziellen Mittel dafür. Mir geht es aber viel eher um den grundsätzlich ablehnenden Gedanken, der sich gegen Flüchtlinge richtet. Mir geht es um die Dreistigkeit, zukünftige Flüchtlingsunterkünfte anzuzünden, weil man „diese Ausländer“ nicht in seiner Nähe haben möchte, weil sie das Stadtbild verderben. Da verliere ich wirklich den Glauben an die Menschheit!

Und dabei liebe ich Menschen eigentlich.

Wenn ihr nicht empathisch sein könnt – seid wenigstens egoistisch, denn irgendwann wird der Tag kommen an dem auch die Deutschen wieder ein reiches Land brauchen, in das sie fliehen können. Und dann sind die anderen Nationen daran zu sagen: Diese Ausländer wollen wir nicht!

Meinen Facebook Account habe ich übrigens nicht gelöscht – allerdings ist meine Freundesliste nun um Einiges kürzer.

 

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