Nachbarn im Sitzen.

Wer gerne alleine ins Kino geht oder ins Theater oder jede Form von Raumordnung, bei der sich mehrere Reihen von Sitzen hintereinander gestapelt finden, kann sich die Seinen, die im Sitzen Benachbarten, oft nicht aussuchen. In Wirklichkeit sind die, die neben, hinter, vor und um uns herum sitzen aber mindestens so wichtig wie die adäquate Ausrichtung der Rückenlehne oder die disziplinierte Dimmung des Lichts zur richtigen Zeit. Es folgt eine Aufzählung über meine liebsten und unliebsten Sitznachbarn und Nachbarinnen, nach dem Grad des Missvergnügens geordnet. Keine Typologie. Keine Stereotypie. Eine Sammlung, die dem Prädikat „assorted“ auf Pralinenschachteln entspricht und jederzeit erweitert werden könnte.

1)
Ich bekomme die letzte Karte an der Abendkasse; nach dem dritten Klingeln. Es steht kein Sitzplatz mehr drauf, bloß ein Name mit Kugelschreiber: Ich soll suchen, wo es noch frei ist. Es ist frei neben einer kleinen Frau in der letzten Reihe, die sehr gerade, bei genauerem Hinsehen aber überraschenderweise auf ihrem untersten Lendenwirbel sitzt. Sie lächelt und dreht für mich ihren Unterkörper zur Seite, der beinahe kein Hindernis gewesen wäre. Sie nimmt bloß ein Drittel ihres Stuhles ein und verlängert ihre Augen auf die Bühne mit einem kleinen Opernglas, das sie konzentriert in ihren knochigen weißen Fingern hält. Als ich bei einem lauten Trommelschlag zusammenschrecke, gluckst sie vergnügt. Sie sitzt ganz still, kichert von Zeit zu Zeit und scheint den Text mitzuflüstern. Nur, dass es keinen Text gibt; wir schauen ein Stück zeitgenössischen Tanz und auf der Bühne bewegt sich ein Mann zu nordafrikanischer Musik. Es gibt keine Sprache in diesem Stück, trotzdem spricht sie mit, mit leiser Stimme, wie aus Klicklauten, die ich nicht verstehe.

2)
Es gibt eine Oper, eine lange, meine höchstens fünfte Oper und vom Gefühl sind sie alle lang außer die ganz Kurzen. Es hat eine Pause in der Mitte und ich denke: Ich stehe wohl auf und schüttele das Blut in meinen unteren Beinen, dass es wieder auffährt und da ist wo es sein soll, wenn sie gloria gloria o vincitore rufen und es Posaunen gibt als gäbe es kein Morgen. „War es nicht hervorragend“, sagt der Mann neben mir und es ist weniger eine Frage als eine Feststellung, weshalb er auch kein Fragezeichen setzt. Wir führen dann eine Unterhaltung alleine zu zweit, die sicher mäeutisch gedacht ist, aber eher funktioniert wie unbefleckte Empfängnis: Man weiß nicht, wo das herkommen soll, was da rauskommen soll. Nach dem dritten Akt dann, die Sklavin erstochen, die Ordnung wieder hergestellt, sehe ich, wie er schon während des Schlussapplauses aufsteht, strauchelt, weil sich in seinen Waden versehentlich die vergangenen drei Stunden abgesetzt haben zusammen mit siebenundssiebzig Jahren unilateralem Erklären, wiegt schwer das.

3)
Ein Knistern drei Kinopolster rechts neben mir hinten. Mit Hingabe streichelt einer über seine untere Gesichtshälfte, der Dreieinhalbtagebart unter seinen Fingerkuppen macht dabei ein Geräusch wie Störsignale oder wie Popcorntüten, die in den Schößen schüchterner Bartloser von vorsichtigen Fingern auf der Suche nach klebrigen Maiskornexplosionen zusammengedrückt werden. (Und dann ist es doch bloß ein kleiner viel zu süßer Kern, eine Schale, die zwischen dem Zahnfleisch und dem Zahnhals stecken bleibt.) 207 Minuten lang Akerman mit viel Stille zwischendrin, eine junge Frau fährt Bahn und hört zu und schläft beinahe mit dem Vater des beinahe schönsten Mannes der Welt; auch schon tot. Ich denke, ja, wir sind in einem Kino, aber das ist nicht das Knistern, von dem sie sprechen, wenn sie über die Liebe sprechen. Aber: Wie sagt man jemandem, ohne anzüglich zu klingen, in einem Kinosaal: bitte hören Sie auf, ihre Wange zu streicheln mit so viel Inbrunst, dass es Geräusche macht wie Störsignale oder wie Popcorntüten, die in den Schößen schüchterner Bartloser von vorsichtigen Fingern auf der Suche nach klebrigen Maiskornexplosionen zusammengedrückt werden. Das sagt man doch nicht.

 4)
Ich sehe seinen breiten Nacken vor mir auf Augenhöhe etwa, der Falten wirft über dem dunkelgrünen Pullover, viel mehr sehe ich nicht. Still wechsle ich den Platz.

[Photo by Erik Witsoe on Unsplash]

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