Olle Kamellen oder erfrischendes Spielerlebnis? Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle (2021)

Jahrelang spekulierten Fans der Pokémon Reihe auf mögliche Remakes der vierten Generation Pokémon Diamant und Perl (2007). Jetzt ist es endlich so weit. Seit dem 19. November 2021 kann man Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle (2021) sowohl im Einzelhandel als auch online für 59,99€ erwerben.

Bereits die ersten Trailer zu den Spielen lösten bei einigen Fans große Empörung aus. Besonders schockierend: Nicht etwa GAME FREAK sondern ILCA sollte die Realisierung der Games übernehmen. Doch auch der zusehende Chibi-Stil der Charaktere traf bei vielen Fans auf Unverständnis. So hatte sich GAME FREAK bei den Remakes zu Pokémon Rubin und Saphir (2014) doch dazu entschieden, sich vom niedlichen Pixelart-Stil abzuwenden und auf realistischere Charaktermodelle zu setzen. Dies ist auch bei der achten Generation der Pokémon Reihe, Pokémon Schwert und Schild (2019), der Fall. Das Charakterdesign von Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle hingegen erinnert eher an Animal Crossing: New Horizons (2020) oder an das Remake von Link’s Awakening (2019). Nichtsdestotrotz erlaubten die Trailer Einblicke in viele Neuerungen, wie die Überarbeitungen des Pokétch und des Erkundungs-Sets, was viele Fans mit gemischten Gefühlen zurückließ.

Wenn man in der Vorweihnachtszeit, vom Stress getrieben, durch die Reihen des Elektronikfachhandels seiner Wahl stöbert und letztendlich vor dem Regal mit den Nintendo Switch Spielen hängen bleibt, dann stellt sich vielen vermutlich die Frage, ob sich ein Kauf der recht hochpreisigen Remakes wirklich lohnt. Doch keine Sorge, weder müsst ihr euch durch Amazons hunderte Bewertungen klicken, noch verzweifelt nach dem einen, verlässlichen Review-Video auf YouTube suchen. Denn ich werde euch hier und jetzt kurz vorstellen, wo die Spiele so richtig punkten und welche Aspekte eher auf der Strecke bleiben.

Aus altem Mantel wird ein neues Wams

Lasst uns zunächst mit den positiven Eigenschaften der Games beginnen. Wie bereits eingangs erwähnt, steht der Stil der Spiele stark in der Kritik und scheint die Fanbase schon fast in zwei Lager zu teilen. Egal auf welcher Seite man steht, letzten Endes ist es wohl einfach Geschmackssache. Wichtig zu erwähnen ist jedoch, dass Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle mit dieser Stil-Entscheidung den Originalen treu bleiben. Denn auch in diesen hielten die Entwickler*innen die Overworld-Grafiken eher niedlich und simpel, während die Kämpfe mit realistischeren Charaktermodellen ausgestattet waren. Sicherlich ein Produkt seiner Zeit, schließlich waren die technischen Möglichkeiten damals noch nicht so ausgereift. Trotz alldem wirken die Remakes in ihrem kindlichen Stil geradezu liebevoll. Besonders die Kämpfe, die einen nicht kleinen Teil des Spielerlebnisses ausmachen, haben besonders von den neuen Grafiken profitiert. Vor allem die verschiedenen Hintergründe strahlen wortwörtlich vor satten Farben. Auch die Overworld, mit ihren warmen Grüntönen des Ewigwalds und den kalten Blautönen des Sees der Wahrheit, lädt praktisch dazu ein, sich in ein farbenfrohes Abenteuer zu begeben. Chibi-Stil hin oder her, die Farben und die Aufbereitung der Grafik vermitteln zugleich Vertrautheit und Neuerung, Nostalgie und Vorfreude auf ein neues Erlebnis in einer altbekannten Welt.

Wie bereits in Pokémon Schwert und Schild, könnt ihr auch in Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle euren Charakter visuell anpassen. Zunächst kann nur zwischen verschiedenen Hautfarben gewählt werden. Sobald ihr Zugang zu Schleiede bekommt, ist es auch möglich, Kleidung für die*den Protagonist*in zu erwerben. Allerdings sind die Möglichkeiten hier deutlich beschränkter als in Pokémon Schwert und Schild. Denn die Remakes bieten statt einzelnen, austauschbaren Kleidungsstücken nur vorgefertigte Outfits an. Keine große Einschränkung, jedoch trotzdem ein Rückschritt. Zu erwähnen ist, dass, jede*r, die*der das Spiel bis zum 21. Februar 2022 kauft, per Geheimgeschenk-Option das Platin-Outfit aus Pokémon Platin (2008) erhält.

Jetzt aber genug zur Grafik. Widmen wir uns lieber dem Content, den die Remakes zu bieten haben. Die Geschichte folgt, wie erwartet, der der Original-Spiele. Auch sonst scheinen sich die Remakes auf den ersten Blick detailgetreu an das zu halten, was die Originale zu bieten haben. Ebenfalls gleich geblieben ist das Kampfsystem. Allerdings hat sich das Pacing der Spiele deutlich zum Besseren verändert. Diese zogen sich in den Originalen besonders in die Länge. Jede*r, die*der früher, so wie ich, bei der Reduzierung der Lebensanzeige fast eingeschlafen ist, wird sich ausgiebig darüber freuen. Der Anteil an Backtracking hat sich nicht sonderlich verringert. Doch eben, weil man nun nicht mehr bei jedem Kampf mindestens eine Minute lang, von Lebensfreude verlassen, die KP-Anzeige anstarren muss, fühlen sich die Remakes viel flüssiger an.

Das Spielerlebnis wird ebenfalls durch die Überarbeitung des Pokétch aufgewertet. Das Pokétch ist ein Gadget, das die verschiedensten Funktionen beinhaltet, von einer simplen Uhr bis hin zum Pension-Prüfer zum Inspizieren der in der Pension abgegebenen Pokémon. Wie bereits in Pokémon Schwert und Schild müsst ihr VM Attacken nun nicht mehr einem Pokémon in eurem Team beibringen. Stattdessen könnt ihr diese nun ganz einfach über das Pokétch abrufen. Dazu müsst ihr nicht einmal einen Platz in eurem Team für ein Pokémon opfern, dass theoretisch diese Attacke lernen könnte. Denn zum Einsetzen der Attacken helfen euch wilde Pokémon.

Wohl die größte Neuerung ist das verbesserte Untergrund-System. Am Ausgrabungs-Minispiel hat sich zwar nicht sonderlich viel verändert, aber die Möglichkeiten zur Erkundung sind dafür ins Unermessliche gestiegen. Nicht nur ist die Karte an sich größer und komplexer, sondern erlaubt euch außerdem das Betreten völlig neuer Bereiche, in denen ihr wilde Pokémon antreffen könnt. Diese Bereiche unterscheiden sich vor allem im Terrain. Es gibt Wälder, Wiesen, Wüsten und noch vieles mehr. Dementsprechend ändert sich auch, welche Pokémon ihr fangen könnt. Hier habt ihr sogar die Möglichkeit, Pokémon zu fangen, die nicht so leicht in der Overworld anzutreffen sind. Außerdem laufen die Pokémon frei herum und ihr müsst nicht durchs hohe Gras laufen, um einen zufälligen Encounter zu triggern. Der Untergrund bringt somit die größte Neuerung mit sich und erlaubt es euch schon früh, ein Team aus verschiedensten Pokémon zusammen zu stellen.

Eine Suche nach Herausforderungen

Pokémon Strahlender Diamant und Leuchtende Perle bringen also viele, spannende Neuerungen mit sich. Leider sind nicht alle von ihnen optimal ausgereift. Beispielsweise sind TMs wieder nur begrenzt einsetzbar und auch das Knursp-Minispiel, bei dem man einen kleinen Kuchen für seine Pokémon anrührt, musste einbüßen. Denn das kann man nun per Joystick statt per Touchscreen spielen. Mal davon abgesehen, dass man dabei fast seinen Controller auseinanderreißen muss, damit der Knursp nicht anbrennt, scheint die Überarbeitung dieses Minigames einfach lieblos. Damals war das Knursp-Minigame implementiert worden, um den Touchscreen, das Feature des Nintendo DS, zu nutzen. Diese Komponente fällt bei der Nintendo Switch quasi weg. Da stellt sich nun also die Frage, warum man das Minispiel nicht neu auflegt, anstatt es mit einer nervigen Steuerung auszustatten. Ein weiteres Feature zeigt ähnliche Probleme. In den Originalen durfte man nur auf dem Platz der Treue Pokémon aus ihrem Ball lassen. Dies hat sich nun geändert. Denn nachdem ihr in den Remakes den Platz der Treue zum ersten Mal betreten und wieder verlassen habt, kann euch ein Pokémon eurer Wahl auf Schritt und Tritt begleiten. Was zunächst großartig klingt und an Pokémon Heartgold und Soulsilver (2010) erinnert, kann allerdings ganz schnell nervenaufreibend werden. Denn während die Overworld-Modelle der Pokémon wirklich ansehnlich sind, haben sie vor allem ein Manko: Die Pokémon laufen nicht ein Feld hinter euch, sondern können sich mehr oder weniger frei bewegen, werden quasi von der*dem Protagonist*in mitgezogen. Das hat den großen Nachteil, dass man überall hängen bleibt, wo man hängen bleiben kann. An jedem Stein, jeder Hauswand, jedem Vorsprung eckt das Pokémon an. Allerdings haben sich die Entwickler*innen da etwas ganz Intelligentes ausgedacht: bleibt das Pokémon hängen, dann wird es einige Sekunden später in den Ball zurückgerufen und taucht direkt hinter eurem Charakter wieder auf. Alles schön und gut, wäre da nicht so ein zischendes Geräusch, dass jedes Mal ertönt, wenn das Pokémon zurückgerufen wird. Wirklich jedes Mal, ja so oft, dass ich das Feature nur noch an ausgewählten Stellen der Overworld benutzen möchte.

Doch das Backen der Knurspe und das Festhängen der Pokémon sind vergleichsweise nur eine kleine Störung des Spielerlebnisses, welche leicht umgangen werden können, indem man eben keine Knurspe backt oder das Pokémon zurück in den Ball schickt. Das wohl größte Problem ist aber das Erfahrungspunkte-System dieser Editionen. Wie schon bei Pokémon Schwert und Schild ausgiebig bemängelt, erhalten alle Pokémon des Teams für das Besiegen oder Fangen eines Pokémon EP. Der EP-Teiler existiert nicht mehr und stattdessen trainiert man nun sein gesamtes Team gleichzeitig. Klingt auf den ersten Blick vielleicht viel entspannter, als jedes Pokémon einzeln trainieren zu müssen. Das ist es auch. Jedoch führt dieses System hauptsächlich dazu, dass man ab dem zweiten Orden völlig overleveled ist – und zwar mit jedem Pokémon. Das senkt den Schwierigkeitsgrad des Spiels deutlich. Strategie und Set-Up moves werden somit überflüssig. Wozu den Angriffswert meines Pokémon erhöhen, wenn er auf Grund des Levels eh so hoch ist, dass ich das gegnerische Pokémon mit einem einzigen Tackle ausknocken kann? Wie schon in Pokémon Schwert und Schild kann man diese Funktion auch hier nicht ausschalten, was dazu führt, dass man entweder gnadenlos zu stark ist oder um gegnerische Trainer und hohes Gras slalomlaufen darf.

Fazit

Letztendlich ist es aber wohl alles eine Frage des Geschmacks. Gefällt mir der niedliche Art Style? Brauche ich ausgereifte und interaktive Minispiele? Muss mich ein Game wirklich fordern, damit ich es genießen kann? Ich für meinen Teil kann nur sagen, dass die Spiele vor allem eines bringen: Spaß. Obwohl mir das Balancing gar nicht zusagt und mein Begleiterpokémon beim Ausweichen vor anderen Trainern alle zehn Sekunden mit einem lauten Zischen in den Ball gerufen wird, so erfüllt mich die Titelmusik beim Starten des Spiels jedes Mal mit einer gewissen Vorfreude. Vielleicht bin ich einfach ein Nostalgiker, aber die Remakes vermitteln mir vor allem das Feeling eines richtigen, klassischen, runden Pokémon Spiels, das ich in Pokémon Schwert und Schild besonders vermisst habe. Wenn ihr also auch so ein nostalgisches Gefühl mit der Pokémon Reihe verbindet oder Lust auf ein einsteigerfreundliches Spiel habt, dann wird sich der Kauf von Pokémon Strahlender Diamant oder Leuchtende Perle auf jeden Fall lohnen.