Katharina die Große – oder wie man eine Frau auf ihr Sexleben reduziert

Und schon wieder ein Text über sie. „Katharina die Große“. Natürlich kein vollständiger, sondern ein paar Anekdoten über ihr Leben in einem weiteren Geschichtsbuch. Schon komisch, denke ich mir, dass ich diesen Namen schon so oft gelesen habe, und trotzdem keine Ahnung habe, wer hinter der Person überhaupt steckt. Ich blättere trotzdem weiter in dem Buch, und befasse mich nicht weiter damit. Am Abend sitze ich jedoch auf dem Sofa und durchstöbere die ZDF-Mediathek, da fällt mir wieder ein Name ins Auge: Es ist ein Dokumentarfilm über Katharina die Große aus der Reihe Frauen die Geschichte machten des ZDFs. Ich sehe es als Zeichen, mich endlich von meinem Unwissen zu befreien, und drücke auf ‚starten‘. Und damit beginnen zwei Tage der Recherche über die ehemalige Zarin Russlands. Ich verfalle der Zeit, den Zitaten, die sich im Internet finden lassen, und den unzähligen Gerüchten über sie, und stolpere über die etlichen Artikel, die mir auf Google entgegenspringen: Die Zarin, die als Sexmonster verunglimpft wurde (Welt) oder Katharina und ihre Männer (MDR). Es kommt mir seltsam vor, dass ihr größter Erfolg scheinbar in ihren Liebesbeziehungen liegt, und so entdecke ich eine kontroverse, hoch spannende und vor allem deutlich interessantere Frau, die es nicht verdient hat, auf ihre Männer reduziert zu werden. 

Falls einer von euch sich gegebenenfalls jetzt auch denkt, „Mhh… vielleicht ist dies ja jetzt mein Zeichen ebenfalls mal die Suchmaschine meines Vertrauens anzustellen“, dann kann ich euch beruhigen, ich habe einen klitzekleinen Teil schonmal übernommen… 

Geboren 1729 in Stettin, kommt sie als Prinzessin Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst auf die Welt. 33 Jahre später wird Katharina zur Zarin von Russland gekrönt. Ein beschwerlicher Weg, der sich lohnen wird.

1743 beschließt Zarin Elisabeth Petrowna auf Anraten ihren Nachfolger, den damalige Großfürst Peter Fjodorowitsch, mit der Prinzessin zu verheiraten. Daraufhin macht sich Sophie auf den siebenwöchigen Weg nach Moskau, wo sie 1744 ankommt. Als Bedingung für die Hochzeit, konvertiert sie vom evangelisch-lutherischen zum orthodoxen Glauben und muss deshalb einen neuen Namen – Jekaterina Alexejewna (dt. Katharina) – annehmen. Am darauffolgenden Tag finden die Festlichkeiten statt, die ganze zehn Tage dauern. Die Ehe mit Peter verläuft jedoch von Anfang an schon nicht sehr harmonisch. Man munkelt, dass Peter lieber mit seinen Militärfiguren spiele, als sich mit Katharina zu beschäftigen. Dies stellte aber wohl kein Problem für sie dar: Sie musiziert und liest viel, sie besucht jeden Gottesdienst und versucht am gesellschaftlichen sowie am religiösen Leben teilzunehmen.

Zarin Elisabeth stirbt im Dezember 1761, woraufhin Katharinas Mann Peter zum Zaren ernannt wird, der zwar den Siebenjährigen Krieg beendet, aber auch viele Misserfolge für Russland bringt. Aus Angst um ihre Stellung und wohlmöglich aus politischem Frust, plant Katharina einen Putsch gegen ihren Mann. Zusammen mit der Militärgarde lässt sie sich am 9. Juli 1762 zur Zarin ausrufen, nimmt Peter in Gefangenschaft, welcher nur wenig später seine Abdankungsurkunde unterschreibt. Noch an diesem Tag wird Katharina zur Alleinherrscherin erklärt. Peter kommt wenige Tage später auf ungeklärte Art und Weise ums Leben.

Sowohl innenpolitisch als auch außenpolitisch nahm sie drastische und vor allem wichtige Maßnahmen vor. Zur Zeit ihrer Herrschaft, gibt es keine richtige Landkarte Russlands, und niemand ist sich bewusst, was alles in diesem Herrschaftsgebiet liegt. Ihre Reform 1775 ist dafür essentiell, mit der sie Russland in 40 Gouvernements mit eigenen Lokalverwaltungen einteilt. Sie bezieht die Adeligen in die Politik mit ein und lässt neue Arbeitsfelder entstehen. Besonders wichtig sind hier Bildungswesen, Armenfürsorge und die medizinische Versorgung der breiten Bevölkerungsmasse.

Ab 1764 veranlasst sie die Gründung der ersten Volksschulen, deren Besuch kostenlos und freiwillig ist. Bis zum Ende ihrer Regierungszeit gibt es in allen russischen Bezirksstädten eine Volksschule und in jeder Provinz, bis auf den Kaukasus, ein Gymnasium. Sie beauftragt die Errichtung von Hospitälern und Obdachlosenasylen.

Katharina beruft außerdem 1767 eine Kommission (bestehend aus gewählten Vertretern aus allen Landesteilen) zur Abfassung eines neuen Gesetzbuches. Diese Kommission verleiht ihr später die Titel „die Große“ und „Mutter des Vaterlandes“. Wie Niemand vor ihr, beendet sie Kriege – innen- und außenpolitisch – und fördert im Sinne des aufgeklärten Absolutismus die Wissenschaften und die Kunst. Katharina die Große stirbt am 17. November 1796 in Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg, wahrscheinlich an einem Schlaganfall.

„Ist diese Frau überhaupt noch aktuell? Warum zwei Tage Recherche für diese Frau? Ziemlich lange schon her, oder?“ Das fragen sich jetzt vielleicht ein paar von euch, aber die Antwort ist ein klares „JA“. Wenn man bei Google ‚Katharina die Große‘ eingibt, wird einem direkt als weiteres Stichwort ‚Liebhaber‘ vorgeschlagen. Denn die Zarin war und ist dafür bekannt, viele Männer gehabt zu haben und das auch öffentlich am Hofe. Über viele Jahre wurde Katharina Ziel von Sexualisierung und Häme – reduziert auf ihre Männer, und weniger auf ihre Taten.

Wohl nicht ganz gerechtfertigt. Denn eigentlich besonders an ‚ihren Männern‘ war, dass sie diese, in der Regel, nicht mit in ihre Politik einbezog. Sie ließ sich nicht in ihre Entscheidungen reinreden. Als Frau zu der Zeit, mag es nicht einfach gewesen sein, ein Reich ohne Mann an der Seite zu regieren, und schon gar nicht so politisch erfolgreich und engagiert.

Was genau daran jetzt aktuell ist? Missbilligung von Frauen, die öffentlich zeigen, dass sie Sex haben, beziehungsweise sexuell aktiv sind. Denn dieses Problem, dass eine Frau auf ihr Sexualleben reduziert wird, ist immer noch aktuell. „Slutshaming“ ist hier das Stichwort. Auch wenn in unserer Gesellschaft dieses Verhalten von Frauen immer mehr diskutiert wird, kann doch nicht abgestritten werden, dass eine Frau immer noch anders behandelt wird, wenn sie sage, sie haben viel und unverbindlichen Sex, als wenn das ein Mann sagt. Es scheint nicht zu den vorgegebenen Standards und Vorlieben unserer Gesellschaft zu passen. Und wir können wahrscheinlich annehmen, dass das im 18. Jahrhundert nicht anders war.

Also, Grund mit Katharina der Großen aus meiner Sicht zu sympathisieren: ihre Auflehnung gegen gesellschaftliche Normen.

Sie arbeitete sich nach oben. Geboren wurde sie als Prinzessin einer unwichtigen deutschen Adelsfamilie, und starb als Zarin von Russland nach 34 Amtsjahren. Natürlich hatte sie das Glück mit Peter verheiratet zu werden, jedoch entstand ihr „Werk“ allein durch ihre Tatkraft und durch den selbsteingefädelten Putsch. Ihrem politischen Talent, ihrem diplomatischen Geschick, ihrem Wissen, und ihrer Fähigkeit militärisch gut zu handeln, verdankte sie die Größe ihrer Taten. Auch ihre Denkweise als aufgeklärte Regentin machte sie zu einer wichtigen Persönlichkeit. Sie interessierte sich für die philosophischen Ansätze von Schreibern wie Voltaire und Montesquieu, gründete eine Gesellschaft zur Übersetzung von Cicero und Goethe und auch wenn sie nie versuchte diese Modelle in die Realität umzusetzen, war ihre Politik vom Gedankengut der Aufklärung geprägt. Bekannt war Katharina die Große auch für ihr Interesse an Kunst. 1764 erweiterte sie den Winterpalast in Sankt Petersburg für ihre Gemäldesammlung, woraus heute eines der größten und bedeutendsten Kunstmuseen der Welt entstanden ist – die Eremitage.

Es gibt, so bei wahrscheinlich jeder Person, auch negative Punkte an der Zarin. So tat Katharina die Große nur wenig für die Rechte der Leibeigenen und stärkte sogar die Stellung der Adeligen, wobei man an dieser Stelle immer im Kopf behalten muss, dass Katharina genau diesen Loyalität beweisen musste, da diese maßgeblich daran beteiligt waren, dass ihr Putsch erfolgreich war. Deshalb hatte sie aber fast ihre ganze Herrschaft über mit sozialen Unruhen zu kämpfen.

Das Thema Flüchtlingspolitik war ebenfalls ein wichtiger Bestandteil ihrer Regierungszeit. Denn tatsächlich veröffentlichte sie am 14. Oktober 1762 ein Manifest mit der Erlaubnis des kaiserlichen Staates, Ausländer*Innen die Ansiedlung im Land zu gestatten, und mit einer Erweiterung dieses Manifests, versprach sie 1763 diesen Religionsfreiheit, Steuerfreiheit und das Verfügungsrecht über Land. Das war zu der Zeit nicht unbedingt normal – es stellt sich jedoch die Frage, inwiefern das in unserer Zeit selbstverständlich ist? Aufgrund dieses Manifests reisten über tausend Menschen aus dem heutigen Deutschland über die Grenze, man nennt sie heute die „Wolgadeutschen“.

Auch wenn ihr Tod schon viele Jahre her ist, kennt man doch ihren Namen, wenigstens vom Hörensagen. Man kennt ihren Namen, aber nicht wirklich das, wofür sie eigentlich steht. Wusstet ihr, dass Katharina die Große die einzige Frau auf der „Liste der Großen“ ist – auf der über 50 Namen stehen…? Für mich steht Katharina die Große für eine intelligente und zukunftsorientierte Frau. Sie sorgte für ein kostenloses Bildungssystem, einen Ausbau des Gesundheitswesens und konnte so als gutes Vorbild für ihre Bevölkerung dienen. Als Schlusswort soll hier nur noch ein Zitat von ihr umkommentiert stehen, als sie über eine ‚ihrer Orgien‘ in den Kellern des Winterpalastes las:

„Sieh mal einer an! Ich bin nie im Palastkeller gewesen! Wie köstlich hätten wir uns dort amüsieren können, wenn wir das gewusst hätten.“